BIBLIOTHECA ELECTORALIS 1512 - 1547


Die «Bibliotheca Electoralis» bildet den historischen Gründungsbestand der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena (ThULB). Der Name «Bibliotheca Electoralis» (von lat. elector= Wähler; nkl. Kurfürst) steht für die Bibliothek, deren Grundlage Kurfürst Friedrich der Weise (1463–1525) legte. Friedrich gilt als Förderer der Reformation und war Begründer der Universität Wittenberg, die sich dank Martin Luther und Philipp Melanchthon zu einem geistigen Mittelpunkt Europas entwickelte. In ihrer großzügigen Ausstattung ist die Bibliothek sowohl als Mittel höfischer Repräsentation als auch als wissenschaftliches Arbeitsinstrument für humanistische Studien zu verstehen. Darüber hinaus war die «Bibliotheca Electoralis» Zeuge der vielschichtigen politischen Entwicklungen der Reformationszeit. Unter Kurfürst Johann Friedrich I. (1503–1554) gelangte die in Kisten und Fässern verpackte Bibliothek 1549 nach Jena. Nach der Privilegierung der Universität 1557/58 wurde die «Bibliotheca Electoralis» zu deren akademischer Bibliothek. Sie diente als Fundament für die Herausbildung des Anspruchs von Jena, sich als ein Zentrum der lutherischen Konfessionsbildung zu profilieren. Sie war umfassend für ihre Zeit und enthält neben den Werken der Humanisten die Ausgaben antiker Schriftsteller sowie solche der ersten nachchristlichen Jahrhunderte. Hochkarätig ergänzt wird sie durch prachtvoll illuminierte mittelalterliche Handschriften, die als Geschenke und Widmungsexemplare zum persönlichen Bereich des Kurfürsten gehörten. 

Von seiner Wittenberger Residenz aus unterhielt der Kurfürst enge Kontakte zu führenden Gelehrten in ganz Europa. Mit der Aufsicht über seine Bibliothek beauftragte Friedrich der Weise 1512 seinen Rat und Hofhistoriographen Georg Spalatin (1484–1545), der als gelehrter Humanist selber zum Kreis der Wittenberger Reformatoren um Luther und Melanchthon gehörte. Auch unter den Nachfolgern Friedrichs des Weisen, den Kurfürsten Johann dem Beständigen (1468–1532) und Johann Friedrich dem Großmütigen (1503–1554), nahm Spalatin diese Aufgabe wahr. Ihm gelang es, die Bibliothek zu einem zentralen Wissensspeicher der Wittenberger Reformatoren auszubauen.

Einen weiteren Bestandteil der Bibliotheca Electoralis bildet die weltweit einzigartige Sammlung flämischer Chorbücher aus der Werkstatt des Petrus Alamire (1470-1536). Sie verweisen auf den repräsentativ-höfischen Charakter der Sammlung und legen Zeugnis ab vom musikalischen Interesse Friedrichs des Weisen. Die Chorbücher enthalten Werke unterschiedlicher, zumeist französischer Komponisten. Besonders anspruchsvoll und individuell ist das ausgestellte Chorbuch ausgeschmückt, das unter anderem eine vierstimmige Marienmesse von Josquin des Prez (ca. 1450–1521) enthält. Beide hier aufgeschlagenen Seiten werden von Pflanzen- und Tierdarstellungen eingerahmt. Eine Miniatur mit der thronenden Gottesmutter steht auf der linken Seite. Auf der gegenüberliegenden Seite ist in Halbfigur Friedrich der Weise dargestellt, der sich in seinem hermelinbesetzten Mantel der Gottesmutter im Gebet zuwendet. Ein Engel steht beschützend hinter ihm.