WAGNER-SAMMLUNG



Bibliothek
| Zeitungsausschnitte | Briefe und handschriftliche Dokumente |
Bildquellen | Theaterzettel und Plakate | 3D-Objekte | Provenienzen | Weiterführende Literatur



In ihrer Konstellation ist die Wagner-Sammlung in Eisenach einzigartig. Die Singularität liegt keinesfalls ausschließlich im Wert der einzelnen Quellen oder in der breiten Anlage der zusammengetragenen Sammlungsstücke - der Gesamtbestand umfasst heute ca. 26.000 Stücke und zählt somit zu dem größten seiner Art außerhalb Bayreuths -, sondern vielmehr in der heterogenen Anlage der einzelnen Quellengattungen und deren sich gegenseitig ergänzender Zusammensetzung.

Der Bestand lässt sich in zwei Bereiche untergliedern: Den Kern der Sammlung bilden die umfassende Richard Wagner-Bibliothek mit ihren ca. 5.500 Bänden und den dazugehörigen 15.000 Zeitungsausschnitten. Der Bibliotheksbestand wird zudem durch zahlreiche weitere Sammlungsstücke zu Wagner und dem Komponisten nahestehenden Personen 'kontrapunktiert': Handschriften, Theaterzettel und Plakate, Fotografien, Zeichnungen, Szenenbilder, Portraits, Figurinen und sogenannte 3D-Objekte (darunter Büsten, Statuetten, Devotionalien und Kuriosa). Die Sammlung ist entsprechend als Mischform zwischen Bibliothek, Museum und Archiv zu bezeichnen, als Bibliothek mit Museumscharakter oder als Museum mit angelegten wissenschaftlichen Informationsinfrastrukturen.

Der Wert des Bestandes liegt zudem in seiner intendierten Objektivität. Bereits das Fundament der Sammlung wurde von Nikolaus Oesterlein mit dem Ziel zusammengetragen, nicht etwa die Person Wagner zu verehren, sondern das Phänomen Wagner abzubilden. Beim Sammlungsvorgang wurden die Quellen nicht aus Gründen einer voreingenommenen Idee – etwa um Wagner zu huldigen – selektiert, sondern eher vor dem Hintergrund eines kritischen Gesamtbildes der Wagner-Wahrnehmung. Nach denselben Kriterien wurde und wird der Bestand auch nach seiner Überführung in die Eisenacher Reuter-Villa mit zahlreichen weiteren Zuwachsquellen, (Teil-)Nachlässen und Nebensammlungen erweitert.

Das Potential der Sammlung liegt also in dem breiten Themenspektrum, das sie hinsichtlich einer fundierten Wagner-Rezeption bietet und stellt eine solide Grundlage für eine umfassende kritische Historiographie zum Phänomen Wagner dar, und zwar seit den ersten Bayreuther Festspielen bis heute.




Bibliothek


Das Herzstück der Wagner-Sammlung - die ca. 5.500 Bände umfassende Wagner-Bibliothek - ist Oesterlein zufolge nach dem Vorbild von Salomon Hirzels Neuestem Verzeichniß einer Goethebibliothek angelegt und dokumentiert mit ihrem Bestand von Veröffentlichungen über das Œuvre des Komponisten nahezu lückenlos die Wagner-Sekundärliteratur des 19. Jahrhunderts.

Hier finden sich zeitgenössische Publikationen zu den unterschiedlichsten künstlerischen, philosophischen und politischen Denkrichtungen, die sich mit Wagners Weltanschauung überschneiden: Rezensionen und Studien bspw. zur Kunstästhetik Franz Liszts, zur Politik Ludwigs II., König von Bayern, Abhandlungen von bzw. zu Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche bis hin zu den pangermanischen und antisemitischen Überlegungen Houston Chamberlains sowie Schriften zu Tierschutz und Vegetarismus.
Die Bibliothek enthält zudem alte Drucke und beachtenswerte Raritäten, wie z. B. Chriemhilden Rache, und die Klage. Zwey Heldengedichte [...], hrsg. von Johann Jakob Bodmer, Zürich 1757, den Volksroman Tannhäußer und der treue Eckart, Riga 1794, Eyn gesprech von den Scheinwercke der Gaystlichen und jren gelübdten von Hans Sachs, o. O. 1524 sowie die Conjuration de Nicolas Gabrini dit de Rienzi, Amsterdam 1734, die historischen Drucke der Edda-Lieder, Dichtungen von Wolfram von Eschenbach und vieles mehr.

Zum Bestand der Bibliothek zählen auch einige Partituren und Musikhandschriften von unschätzbarem Wert für die Forschung wie eine von nur zwei erhaltenen Kopisten-Abschriften von Wagners Oper Rienzi, der letzte der Tribunen mit über 1.000 eigenhändigen Zusätzen des Komponisten sowie die Partitur der skandalösen Pariser Tannhäuser-Aufführung von 1861, aus welcher Wagner selbst dirigiert haben soll. Weiterhin findet sich unter den Musikalien der Bibliothek das Autograph von Franz Liszts Transkription der Tannhäuser-Ouvertüre für Klavier.




Zeitungsausschnitte


Neben den ca. 5.500 Bänden gehört zum Bestand der Bibliothek ebenso die über 15.000 Stück umfassende Sammlung von Zeitungsausschnitten und Zeitungen. Den Grundstock dieses in der Wagner-Literatur einzigartigen Bestands legte Nikolaus Oesterlein bereits während der 1870er Jahre, wobei nach dem Ankauf seiner Sammlung durch die Stadt Eisenach die Quellen weiterhin ergänzt wurden.

Der Bestand bietet die Grundlage zur Erstellung einer umfassenden Bibliographie zum Phänomen Wagner in der Presseöffentlichkeit und ist als Forschungsreservoire zu betrachten, das die Dynamik der Wagner-Rezeption seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert im deutschsprachigen Pressewesen dokumentiert und somit aus erster Hand widerspiegelt.




Briefe und handschriftliche Dokumente


In der Wagner-Sammlung befinden sich ca. 200 Originalbriefe Wagners sowie Abschriften seiner Briefe. Von besonderem Interesse sind dabei die 28 Briefe an Bertha Goldwag, die Putzmacherin Richard Wagners in Wien, die einen Einblick in das intime Privatleben des Komponisten gewähren. Sie bilden einen Teil der Grundlage für die Veröffentlichung der Briefe Richard Wagners an eine Putzmacherin durch den Wiener Journalisten Daniel Spitzer im Jahre 1877, die zu weitreichendem Spott über Wagners luxuriösen Lebensstil führte.

Darüber hinaus bieten die Briefe in Verknüpfung mit dem Zeitschriften-Bestand der Wagner-Sammlung einen Ansatz zur Untersuchung des Antisemitismus der sich in den wütenden Reaktionen von eingefleischten Wagnerianern auf die Veröffentlichung dieser privaten Briefe zeigte, die Wagner-Literatur über dieses Vorkommnis bis ins 20. Jahrhundert hinein prägte und bis heute kaum erforscht ist.
Zu der Rubrik "Handschriftliche Dokumente" gehören des Weiteren um die 800 Autographe, darunter 24 Briefe von Cosima Wagner, 16 Briefe und Briefumschläge von Franz Liszt sowie Briefe von Ludwig II., König von Bayern, Hans von Bülow und Mathilde Wesendonck.

So vielfältig sich die Auflistung von Absendern und Adressaten gestaltet, so lassen sich doch einige thematische Schwerpunkte herausfiltern. Einer davon ist ganz klar Weimar. Innerhalb der bereits von Nikolaus Oesterlein gesammelten und später durch den Nachlass des Wagner-Tenors Karl Beck ergänzten Bestände befinden sich über 50 Briefe und handschriftliche Dokumente von Weimarer Persönlichkeiten, wie dem Sänger Feodor von Milde, dem Weimarer Regierungsrat Franz Müller, dem Theaterintendanten Ferdinand von Ziegesar sowie den Liszt-Gefährtinnen Marie d'Agoult und Caroline von Sayn-Wittgenstein.

Darüber hinaus sind die Briefe Joseph Tichatscheks zu nennen. Die weit über 200 originalen Briefe aus der Feder des ersten Wagner- und Heldentenors gewähren einen beispielhaften Einblick in das bewegte Leben eines Sängerstars des 19. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum.




Bildquellen


Der Bilderbestand innerhalb der Wagner-Sammlung in Eisenach umfasst ca. 2.600 Quellen. Der Bestand enthält eine nahezu vollständige Sammlung an originalen Wagner-Fotografien sowie zahlreiche Portraits, Grafiken, Gemälde und Zeichnungen zu Wagner selbst und ihm nahestehenden Personen wie z. B. Cosima Wagner, Franz Liszt, Ludwig II., König von Bayern und Hans von Bülow.

Von besonderem Interesse sind zudem die zusammengetragenen Fotografien von Wagner-Sängern und -Dirigenten, Theaterintendanten, Künstlern, Kritikern und Intellektuellen, die teilweise mit autographen Widmungen oder Unterschriften überliefert sind. Dazu kommen die vielen Bühnen-, Szenen-, und Kostümbilder aus verschiedenen Wagner-Inszenierungen seit den ersten Bayreuther Festspielen bis weit in das 20. Jahrhundert hinein aber auch Landschafts-, Stadt- und Theateransichten, die die Aufenthaltsorte in Wagners Biographie bildlich dokumentieren.

Im Bestand der Figurinen finden sich u. a. solche herausragenden Stücke wie die Original-Kostümentwürfe des Malers Franz Seitz für die Uraufführungen von Wagners Rheingold und Walküre in München. Einige der entworfenen Figurinen sind durch handschriftliche Hinweise von Wagner selbst ergänzt.




Theaterzettel und Plakate


Mit ihrem ca. 900 Quellen umfassenden Bestand liefert die Sammlung von Theaterzetteln und Plakaten eine wichtige Grundlage zur Untersuchung der Verbreitung von Wagners Werk inner- und außerhalb des deutschsprachigen Raums. Gleichzeitig sind hier originale Theaterzettel und Plakate zu Ur- und Erstaufführungen von Wagners Werken enthalten, die aufgrund ihrer Rarität einen nicht geringen immateriellen Wert besitzen.




3D-Objekte


Die oft unterschätzten sogenannten 3D-Objekte der Wagner-Sammlung wurden von Nikolaus Oesterlein mit der Idee zusammengetragen, das Bild von Wagner so vollständig wie nur möglich wiederzugeben. Die zahlreichen Devotionalien und Kuriosa wie Textilien, Zigarillos, Fächer, Geschirr und Servietten mit eingravierten Wagner-Leitmotiven, -Konterfeis und -Silhouetten, aber auch kleinere Souvenirs wie Statuetten, Büsten und Medaillons spiegeln die 'Fankultur' der Wagnerianer seit den ersten Festspielen und die dazugehörige - gewollte oder ungewollte - Verknüpfung des Ideals vom "Kunstwerk der Zukunft" mit ernüchternden Vermarktungsmechanismen wider.




Provenienzen


Nach dem Ankauf der Sammlung Nikolaus Oesterleins durch die Stadt Eisenach wurde der angelegte Wagner-Bestand über die Jahre sukzessive erweitert. Daraus resultiert, dass die von Oesterlein zusammengetragenen Sammlungsstücke heute zwar den bedeutendsten, letztlich aber dennoch nur einen Teilprovenienzbestand der Wagner-Sammlung in Eisenach darstellen. Vor allem in der Zeitspanne zwischen dem Ankauf der Sammlung im Jahre 1895 und dem Kriegsende 1945 konnten einige weitere bedeutende Zuwächse verzeichnet werden, wobei der Verlust einiger Teile der Sammlung in der Folge des Zweiten Weltkriegs zu beachten ist.

So beherbergt die Sammlung heute die Nachlässe des Wagner-Sängers Joseph Tichatschek und seiner Tochter Josephine Rudolph-Tichatschek. Als Startenor seiner Zeit war der Sänger an den Uraufführungen von Richard Wagners Rienzi, der letzte der Tribunen und Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg als Interpret der jeweiligen Titelrollen beteiligt.

Das Herzstück des sogenannten Tichatschek-Rudolph-Nachlasses bilden die über 200 Briefe des Sängers an seine Frau Pauline, seine Tochter Josephine und seinen Sohn Franz, die er auf seinen ausgedehnten Gastspielreisen an zahlreichen Theatern in Deutschland, den Niederlanden und Schweden schrieb. Weitere Briefe von Zeitgenossen an Tichatschek sowie zahlreiche Porträtaufnahmen ermöglichen umfassende Studien zum breit ausgebauten Netzwerk des Ausnahmesängers.

Der Nachlass des Tenors Karl Beck - der als erster Lohengrin bei der Uraufführung der gleichnamigen Oper in Weimar 1850 in die Geschichte einging - gewährt weitere Einblicke in die Weimarer Theatergeschichte um die Mitte des 19. Jahrhunderts sowie in das Wirken eines anderen berühmten zeitgenössischen Wagner-Sängers.




Weiterführende Literatur


Historische Quellen (Auswahl, chronologisch geordnet)


Oesterlein, Nikolaus:

Katalog einer Richard Wagner-Bibliothek. Nach den vorliegenden Originalien systematisch-chronologisch geordnetes und mit Citaten und Anmerkungen versehenes authentisches Nachschlagebuch durch die gesammte Wagner-Litteratur, 4 Bde., Leipzig 1882-1895.

Oesterlein, Nikolaus:
Entwurf zu einem Richard Wagner-Museum. Mit 4 Bildern in Lichtdruck, Wien 1884.

Oesterlein, Nicolaus:
Das Richard Wagner-Museum und sein Bestimmungsort, Wien 1884.

Oesterlein, Nikolaus: Ueber Schicksale und Bestimmung des Richard Wagner-Museums in Wien. Festschrift zur Feier seines fünfjährigen Bestehens, zugleich als Einladung zum Besuche des Museums während der Internationalen Ausstellung für Musik- und Theaterwesen, abgehalten in Wien vom Mai bis Oktober 1892, Wien 1892.

Oesterlein, Nicolaus:
"Das Richard Wagner-Museum. Wie ich zu ihm kam und wie es mir mit ihm erging", in: Die redenden Künste. Zeitschrift für volkstümliche Kunst 4 (1897/98), Heft 14, S. 315-318; Heft 15, S. 337-339; Heft 16, S. 361-364; Heft 17, S. 388-391; Heft 19/21, S. 423-428; Heft 22, S. 471-474; Heft 24, S. 521-523; Heft 25, S. 545-547; Heft 26, S. 567-569; Heft 27, S. 583-585; Heft 29, S. 633-635; Heft 30, S. 657-660; Heft 31, S. 681-683; Heft 32, S. 703-705; Heft 37, S. 783-786; Heft 38, S. 832-838.

Kürschner, Joseph:
Das Richard Wagner-Museum in Eisenach, Eisenach 1897.

Nicolai, Wilhelm: "Das Richard-Wagner-Museum zu Eisenach", in: Thüringer Jahrbuch. Politik und Wirtschaft. Kunst und Wissenschaft im Lande Thüringen 26 (1927), S. 72-90.

Greiner, Wilhelm:

Das Reuter- und Wagner-Museum. Eine Stätte großer deutscher Erinnerungen in Eisenach
, Eisenach o. J.

Seidel, Heinz:
Das Fritz-Reuter- und Richard-Wagner-Museum in Eisenach, Eisenach 1968.

Thüringer Museum, Reuter-Wagner-Museum Eisenach (Hrsg.):
Das Fritz-Reuter- und Richard-Wagner-Museum in Eisenach. Zum 175. Geburtstag Fritz Reuters 1985
, o. O. o. J.


Sekundärliteratur (Auswahl, alphabetisch geordnet)


Alschner, Stefan:
"Wagners erste Helden - die Teilnachlässe von Joseph Tichatschek und Karl Beck in der Wagner-Sammlung Eisenach", in: wagnerspectrum 1/2020, Druck in Vorbereitung.

Bunners, Christian et al. (Hrsg.):
Fritz Reuter in Eisenach (= Beiträge der Fritz Reuter Gesellschaft 8), Hamburg 1998.

Georgiev, Kiril:
"Die Richard Wagner-Sammlung in der Reuter-Villa zu Eisenach", in: wagnerspectrum 1/2020, Druck in Vorbereitung.

Geyer, Helen et al. (Hrsg.):
Wagner - Weimar - Eisenach. Richard Wagner im Spannungsfeld von Kultur und Politik (= Musik und Klangkultur 39), Bielefeld 2020.


Osmann, Gudrun:
"Von der Reuter-Villa zum Reuter-Wagner-Museum", in: Bunners, Christian et al. (Hrsg.): Fritz Reuter in Eisenach (= Beiträge der Fritz Reuter Gesellschaft 8), Hamburg 1998, S. 225-235.

Osmann, Gudrun:
"Wagner am Fuße der Wartburg. Das Reuter-Wagner-Museum in Eisenach", in: Wagner, Wolfgang (Hrsg.): Bayreuther Festspiele 1997. Das Festspielbuch. Tristan und Isolde. Die Meistersinger von Nürnberg. Der Ring des Nibelungen. Parsifal, Bayreuth 1997, S. 140-143.

Osmann, Gudrun:
"Wie kam Wagner in die Reuter-Villa? Zur Geschichte der Wagner-Sammlung im Reuter-Haus", in: Eisenach-Jahrbuch 1 (1992), S. 99-106.