FORSCHUNGSPROJEKT

Wissenschaftlich kommentierte Quellenanalyse und Diskussion ausgewählter Aspekte
der Richard Wagner-Sammlung Nikolaus J. Oesterleins in Eisenach



Ein Projekt der



In Kooperation mit



Gefördert durch die VolkswagenStiftung
(2016-2020)

Projekt-Team


Projektleitung:
Prof. Dr. Helen Geyer; Institut für Musikwissenschaft Weimar-Jena, Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar

Wissenschaftliche Mitarbeiter: Dr. Kiril Georgiev, Stefan Alschner M.A. M.A. M.Sc.

Weitere Mitarbeiter:
Nina Bangerter, Malte Waag, Tom Adler




Ziele


Das Projekt zielt einerseits auf die Erschließung, Digitalisierung und dauerhafte Sicherung der Wagner-Sammlung in Eisenach. Die Quellen werden nach modernen, standardisierten Kriterien neukatalogisiert, wobei deren Zugänglichmachung in Zusammenarbeit mit der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena (ThULB) über das Digitale Kultur- und Wissensportal Thüringens kulthura erfolgt.

Andererseits soll die Einmaligkeit dieses kulturellen Erbes und seine Bedeutung im kulturhistorischen Kontext dargestellt werden. Folgende inhaltliche Schwerpunkte liegen dabei im Fokus der Untersuchungen:

  • Entstehungshintergründe, Entwicklung und Geschichte der Sammlung
  • Rezeption der Sammlung in ihrem jeweiligen politisch-historischen Kontext (Wilhelminismus, Weimarer Republik, Zeit des Nationalsozialismus, DDR-Periode, Zeit nach der politischen Wende 1989)
  • Kontextualisierung der Ausstellungskonzeptionen der Sammlung als Bestandteil des Reuter-Wagner-Museums
  • Auswertung der Quellen im Hinblick ihrer Relevanz für die Wagner-Forschung und Integration des Bestandes in den aktuellen Wagner-Diskurs
  • Die Sammlung als Primärquellenrepositorium und Grundlage einer umfassenden historiographischen Untersuchung zur Rezeption des Phänomens Wagner





Datenbank


Die Erstellung eines digitalen Katalogs, der sich an den standardisierten Richtlinien des RNAB (Ressourcenerschließung mit Normdaten in Archiven und Bibliotheken) orientiert und die Sammlungs-Bereiche „Briefe und handschriftliche Dokumente“, „Bildquellen“ und „Theaterzettel und Plakate“ umfasst, ist abgeschlossen. Dabei wurden über 6.000 Objekte erfasst. Die Verfügbarmachung der Daten ist momentan in Vorbereitung und erfolgt in Kooperation mit der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena. Hier gelangen Sie zum digitalen Bestand.




Publikationen

Geyer, Helen / Georgiev, Kiril / Alschner, Stefan (Hrsg.): Wagner - Weimar - Eisenach. Richard Wagner im Spannungsfeld von Kultur und Politik (= Musik und Klangkultur 39), Bielefeld 2020.
Der Band präsentiert die Beiträge der internationalen Tagung "Wagner - Weimar - Eisenach. Wechselwirkungen und Spannungsfelder zwischen Kultur und Politik", die am 14. und 15. Juni 2018 im Goethe-Nationalmuseum stattgefunden hat. Hier werden erste Ergebnisse des Projekts im Kontext der aktuellen Wagner-Forschung vorgestellt und mit weiteren Themenfeldern verknüpft. Die Publikation ist im Open Access beim transcript Verlag erschienen.

Georgiev, Kiril: "Die Richard Wagner-Sammlung in der Reuter-Villa zu Eisenach", in: wagnerspectrum 1/2020, Druck in Vorbereitung.
Der Aufsatz beleuchtet die Entstehungshintergründe der Sammlung gegen Ende der 1870er Jahre in Wien und skizziert davon ausgehend ihre Geschichte bis heute. Dabei liegt der Fokus auf dem Vergleich zwischen ursprünglicher Idee und entsprechender Realisierung des ersten Wagner-Museums der Welt. Vor dem Hintergrund der verschiedenen Ausstellungskonzeptionen in Wien und Eisenach setzt sich der Autor mit Wert und Unwert dieses wichtigen kulturellen Erbes in Thüringen auseinander.

Alschner, Stefan: "Wagners erste Helden - die Teilnachlässe von Joseph Tichatschek und Karl Beck in der Wagner-Sammlung Eisenach", in: wagnerspectrum 1/2020, Druck in Vorbereitung.
Die Wagner-Sammlung in Eisenach beherbergt mehrere Teilnachlässe bedeutender Wagner-Interpreten des 19. Jahrhunderts. Hervorzuheben sind die Nachlässe der frühen Heldentenöre Joseph Tichatschek und Karl Beck, welche in den Uraufführungen von Rienzi, Tannhäuser bzw. Lohengrin die Hauptrollen sangen. Der Nachlass Tichatscheks, des herausragenden deutschsprachigen Tenors seiner Generation, ermöglicht Einblicke in Leben und Leistungen des Ausnahmesängers und in dessen umfassende Netzwerke. Obwohl Karl Becks Einfluss auf die Wagner-Geschichte abgesehen von seinem Auftritt als erster Lohengrin gering geblieben ist, kommt auch diesem Tenor eine erhebliche Bedeutung für die Verbreitung von Wagners Werk zu. Der Aufsatz bietet einen Einblick in die Ergebnisse der Provenienzforschung an der Wagner-Sammlung Eisenach, durch welche derartige Nachlässe wiederentdeckt werden konnten.

Georgiev, Kiril: Die Richard Wagner-Sammlung in Eisenach. Bestand - Geschichte - Rezeption, Publikation in Vorbereitung.
Die Bedeutung der Wagner-Sammlung in Eisenach liegt keinesfalls ausschließlich im Wert der einzelnen Quellen oder in der breiten Anlage der zusammengetragenen Sammlungsstücke, sondern ebenso in den verschiedenen Möglichkeiten einer kulturhistorischen Kontextualisierung als Teilbestand des Reuter-Wagner-Museums in Eisenach. Die momentan in diversen Präsentationsmedien und -formaten zerstreuten Forschungsergebnisse sollen in einer einzelnen Schrift zusammengefasst, erweitert und folglich zur weiteren Nutzung verfügbar gemacht werden. Die geplante Publikation wird also die Einmaligkeit dieses bedeutenden kulturellen Erbes, seines Bestandes, seiner Geschichte und Rezeption herausstellen und beschreiben.

Alschner, Stefan: Vom Heldentenor zum Künstlerheros - Studien zum Nachlass des Wagner-Sängers Joseph Aloys Tichatschek, Dissertation, Publikation in Vorbereitung.
Der Tenor Joseph Aloys Tichatschek zählt zu den herausragenden deutschsprachigen Sängerpersönlichkeiten des 19. Jahrhunderts. Besonders durch seine Auftritte in den Hauptrollen der Uraufführungen von Richard Wagners Rienzi und Tannhäuser ist der Sänger bis heute eng mit den Begriffen des Wagner-Sängers und Heldentenors verknüpft, als deren erster Repräsentant er gemeinhin gilt. Der in der Wagner-Sammlung in Eisenach entdeckte Nachlass Tichatscheks und seiner Tochter Josephine Rudolph-Tichatschek ermöglicht Einblicke in das Leben und Wirken des Ausnahmetenors. Besonders in den Fokus rücken dabei immer wieder die Würdigung und Verehrung, die Tichatschek für seine Leistungen noch über seine aktive Bühnenkarriere von seinen Zeitgenossen hinaus erfahren hat und die Selbstdarstellung des Tenors in Briefen an Freunde und seine Familie als außerordentliche Sängerpersönlichkeit. Daraus ergeben sich interessante Berührungspunkte zwischen dem Rollenfach des Heldentenors – also (verkürzt gesagt) des Darstellers heroischer Theaterrollen – und dem selbst zum Heros stilisierten Sänger. Im Rahmen der geplanten Dissertation wird nicht nur der schriftliche Nachlass des Sängers kommentiert ediert, sondern am Beispiel Joseph Tichatscheks ebenso ein Blick auf das skizzierte Spannungsverhältnis der Sphären des Heldentenors und des Künstlerheros‘ geworfen werden.




Vorträge


Geyer, Helen:
Zur Bedeutung der Eisenacher Wagner-Sammlung
Festakt anlässlich des 120-jährigen Bestehens des Reuter-Wagner-Museums in Eisenach (Reuter-Wagner-Museum in Eisenach; 18. Juni 2017)

Neue Wege - Erschließung, Vermittlung und Forschung verbinden
Tagung "Kunst auf Lager" / Bündnis zur Erschließung und Sicherung von Museumsdepots 2014-2018 (Schloss Herrenhausen in Hannover; 11. und 12. September 2017)

Joseph Kürschners kulturpolitische Bemühungen um den Ankauf der Wagner-Sammlung Nikolaus Oesterleins
Internationale Tagung "Wagner - Weimar - Eisenach. Wechselwirkungen und Spannungsfelder zwischen Kultur und Politik" (Goethe-Nationalmuseum in Weimar; 14. und 15. Juni 2018)

Georgiev, Kiril:
Vorstellung des Forschungsprojektes "Wissenschaftlich kommentierte Quellenanalyse und Diskussion ausgewählter Aspekte der Richard Wagner-Sammlung in Eisenach"
Wissenschaftliches Kolloquium des Instituts für Musikwissenschaft Weimar-Jena (Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar; 1. Februar 2017)

Wagners "schöne Einöde": Weimar
Internationale Tagung "Wagner - Weimar - Eisenach. Wechselwirkungen und Spannungsfelder zwischen Kultur und Politik" (Goethe-Nationalmuseum in Weimar; 14. und 15. Juni 2018)

Alschner, Stefan:
Das Weimarer Hoftheater und seine Wagner-Sänger
Internationale Tagung "Wagner - Weimar - Eisenach. Wechselwirkungen und Spannungsfelder zwischen Kultur und Politik" (Goethe-Nationalmuseum in Weimar; 14. und 15. Juni 2018)

The Heldentenor Joseph Tichatschek - Relations between Repertoire and the Image of the Heroic Singer
Internationales Symposium "Agency and Identity in Music" der International Musicological Society (IMS) (Luzern; 8.-10. Juli 2019)

Der Wagner-Sänger Joseph Aloys Tichatschek - Vom Nachlass zum Netzwerk
Jahrestagung der Gesellschaft für Musikforschung (GfM) (Paderborn/Detmold; 23.-26. September 2019)

Alschner, Stefan / Georgiev Kiril:
Geisterschiff voraus! Auf musikalischer Entdeckungsreise durch Richard Wagners "Der fliegende Holländer"
Kinderuniversität Jena (25. Mai 2018) und Kinderuniversität Weimar (11. Dezember 2019)

Roesler, Ulrike:
"Aus der Liszt-Litteratur". Franz Liszt in der Wagner-Sammlung Oesterleins
Internationale Tagung "Wagner - Weimar - Eisenach. Wechselwirkungen und Spannungsfelder zwischen Kultur und Politik" (Goethe-Nationalmuseum in Weimar; 14. und 15. Juni 2018)

Bangerter, Nina / Roesler, Ulrike / Waag, Malte (studentische und wissenschaftliche Hilfskräfte):
Vorstellung erster Zwischenergebnisse des Forschungsprojektes "Wissenschaftlich kommentierte Quellenanalyse und Diskussion ausgewählter Aspekte der Richard Wagner-Sammlung in Eisenach
Wissenschaftliches Kolloquium des Instituts für Musikwissenschaft Weimar-Jena (Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar; 25. April 2018)




Symposium


Wagner - Weimar - Eisenach. Wechselwirkungen und Spannungsfelder zwischen Kultur und Politik (14. und 15. Juni 2018; Goethe-Nationalmuseum in Weimar)
Der rezeptionsgeschichtliche 'Urknall' von Richard Wagners Werk fand bezeichnenderweise an einem Ort statt, der sich in einem Spannungsfeld zwischen Provinz und Residenz, Tradition und Fortschritt, Idee und Verwirklichung befand: im Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach. Hier verbanden sich Franz Liszts auf die Zukunft ausgerichtetes Wirken und das Erbe der Weimarer Klassik unter der Regentschaft eines ambitionierten Weimarer Hofes zu einer nicht unproblematischen Synthese, von deren Folgen auch Wagner nicht unberührt blieb. Hier können Sie den Flyer zur Tagung abrufen.




Vortragsreihe


Wagner bei Reuter. Eine musikalisch wissenschaftliche Vortragsreihe am Fuße der Wartburg
In Zusammenarbeit mit der Stadt Eisenach war für die Zeit zwischen Mai und November 2020 eine Vortragsreihe mit insgesamt acht Veranstaltungen im Reuter-Wagner-Museum geplant, die die Wagner-Sammlung im Kontext ihrer kulturhistorisch-regionalen Gebundenheit mit der Stadt Eisenach und dem Reuter-Wagner-Museum präsentieren sollte. Ergänzt sollten die einzelnen Vorträge durch musikalische Beiträge u. a. von Studierenden der HfM Weimar. Aufgrund der Sicherheitsmaßnahmen im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie musste die Vortragsreihe bis auf Weiteres verschoben werden.




Lehrveranstaltungen


Einführung in Wagners musikästhetisches Denken (HfM Weimar; WiSe 2017/18)

Wagners Musik lässt sich als Untermalung in Filmszenen perfekt integrieren. Man denke an den "Walkürenritt" in Apocalypse Now oder an den berühmten "Tanz mit der Weltkugel" in Charlie Chaplins Der große Diktator. Was bleibt aber in der allgemeinen Wahrnehmung vom Komponisten noch übrig, außer Kriegsszenarien, Größenwahn und Antisemitismus? Dass Wagners Werk zwar genial, die Person aber kompliziert und die Musik außerordentlich anstrengend sein soll, gehört zu den Standard-Klischees der gängigen Wagner-Rezeption, wie Woody Allens "Witz", dass Wagners Kompositionen dazu verleiten, Polen zu überfallen. Das Seminar wird zentrale Begriffe der Kunstphilosophie Wagners beleuchten und eine Auswahl von Wagners Theorien zur Musikästhetik und Kulturpolitik vorstellen. Die kritische Auseinandersetzung mit den Schriften des Komponisten im Verhältnis zu Werken, (Selbst-)Inszenierung und Rezeption soll dabei helfen, einige der vielen Wagner-Klischees als eben diese zu entlarven, andere möglicherweise zu bestätigen und das "Kulturphänomen" Wagner in seinen verschiedenen Facetten kennenzulernen.

Zur Geschichte der Wagner-Rezeption in Deutschland (HfM Weimar; SoSe 2018)

Dass kaum ein anderer Komponist bereits zu Lebzeiten, vor allem aber posthum (und zwar bis heute noch), derartig polemisierend und polarisierend rezipiert wurde wie Richard Wagner, steht außer Frage. Das Wagner-Bild durchschritt dabei komplizierte Wandlungen: Obwohl der Komponist - gemäß der eigenen Äußerungen und Schriften - zu den radikal-demokratischen Linken zu zählen wäre, wurden sein Werk und seine Weltanschauung durch die eigenen Erb-Verwalter zunächst der konservativen, dann der völkisch-nationalistischen und schließlich der nationalsozialistischen Ideologie eingepasst. Das Seminar wird gerade dieser Entwicklung nachgehen und aus dem jeweiligen historischen Rahmen heraus die vielseitigen Erscheinungsbilder des Phänomens "Wagner" anhand diverser Medien (u. a. Zeitung, Zeitschrift, Film, Dokumentation und Fernsehen) skizzieren. Von besonderem Interesse sind dabei das romantisch-nationale, moderne und postmoderne Wagner-Bild, wie es sich jeweils im Deutschen Kaiserreich, in der Weimarer Republik, im Nationalsozialismus, in der Nachkriegszeit in DDR bzw. BRD und schließlich nach der Wiedervereinigung im Jahre 1989 darstellt.

Weltenbrand und Erlösungswahn - gesellschaftspolitische Deutungsversuche der Bühnenwerke Richard Wagners I und II (HfM Weimar; WiSe 2018/19 und SoSe 2019)
Politik und Ästhetik, Kunst und Gesellschaft stellen nach Richard Wagners Vorstellungen keine voneinander trennbaren Bereiche dar, sondern beeinflussen einander gegenseitig. Wagner war ein Künstler, der die politischen und gesellschaftlichen Konventionen seiner Zeit geradezu durchbrach. Als Hofkapellmeister des sächsischen Königs beteiligte er sich an der Revolution 1848/49 mit dem Ziel, diesen zu stürzen, um nur 15 Jahre später als Günstling Ludwigs II. von Bayern seine kostspieligen Theatervisionen zu verwirklichen. Obwohl selbst verheiratet, brachte er es dazu, einem seiner treuesten Anhänger und Schüler die Frau auszuspannen - seine spätere zweite Ehefrau Cosima. Wagner - der "Judenhasser", der einen regen Umgang mit jüdischen Musikern pflegte; der Religionskritiker, der später eine Art eigene "Kunstreligion" ins Leben rief - war voller Widersprüche. Er war, wie Martin Gregor-Dellin schrieb, "ein endzeitsüchtiger Anarchist, der zwischen links und rechts, Revolution und Königstreue im Grunde keinen Unterschied kannte.

Das Seminar soll gerade diese radikalen Brüche, Gegensätze und Schwankungen aufzeigen, und zwar in Wagners Leben und auf seiner Bühne. Von besonderem Interesse ist daher gerade die gesellschaftspolitische Dimension seiner Musikdramen. Die Analysen werden sich neben den jeweiligen inhaltlichen sowie musikalischen Konzeptionen ebenso auf moderne Inszenierungen und Werkdeutungen im 20. und 21. Jahrhundert beziehen.




Ausstellung


Die in Zusammenarbeit mit dem Hochschularchiv | Thüringischen Landesmusikarchiv Weimar konzipierte Tannhäuser-Ausstellung anlässlich der Wiederaufnahme des gleichnamigen Bühnenwerkes am Deutschen Nationaltheater Weimar (Premiere 14. April 2018) konzentriert sich insbesondere auf die Erstaufführung des Werkes unter der Leitung von Franz Liszt in Weimar und auf die damit verbundene Kulturpolitik des Großherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach. Hier können Sie die Ausstellungstafeln abrufen.