SCHADENSPROTOKOLL / ZUSTANDSPROTKOLL

Jenaer Liederhandschrift (ThULB Jena, Ms. El. f. 101)


Die Jenaer Liederhandschrift wurde im Juni 1954 von H. Heiland restauriert. Die damals angewandte Restaurierungstechnik und das von ihm verwendete Material sind als die Hauptursachen der heute zu beobachtenden Schädigungen des Buches zu sehen.

1. vorderer Falzbereich des Leders:

Der Falz des Leders zeigt gravierende Risse im Bereich des Gelenkes. Diese sind durchgängig über die gesamte Buchhöhe vorhanden. Das Originalleder ist vollständig durchgerissen. Reparaturunterklebungen aus Pergament sind unter dem Leder deutlich erkennbar. Das Reparaturpergament klebt nur noch teilweise am Buchrücken und ist insgesamt gelockert. Der Kopf- und Fußbereich des Falzes wurde bis zum jeweils ersten Bund mit Hanffaser überklebt. Diese Überklebungen haften nur partiell und heben sich ab.

2. hinterer Falzbereich des Leders:

beschädigter unterer Rückenbereich mit Hanfverklebungen
Mit gelockerter Hanffaser überklebte Risse im Kopf- und Fußbereich des Falzes sind deutlich erkennbar. Die Reparaturen sind instabil.

3. Kopf und Fuß des Lederrückens:

unterer beschädigter Kapitalbereich
Das Originalleder ist vollständig mit Hanffaser überklebt. Die Verklebung ist instabil. Reparaturunterklebungen aus Pergament sind stark sichtbar.

4. Kapitale:

beschädigter unterer Kapitalbereich mit Hanfverklebungen
Die beiden vorhandenen zweifarbig gewickelten Kapitale werden als die Originalkapitale erkannt. Die Hanf-Reparaturverklebungen des Einbandleders greifen an zwei Stellen am unteren Einschlag auf die Kapitale über und bedecken diese leicht. Offensichtlich erfolgte eine Reinigung der Kapitale im Rahmen der früheren Restaurierung.

5. Ecken des Bezugsleders vorn:

beschädigte Einbandecken mit Hanfverklebungen
An beiden Ecken sind die Reparaturunterklebungen aus Pergament stark sichtbar. Die Hanfüberklebungen sind teilweise abgelöst.

6. Ecken des Bezugsleders hinten:

An beiden Ecken sind die Reparaturunterklebungen aus Pergament sichtbar. Die Hanfüberklebungen sind teilweise abgelöst. Als Ursache wird eine falsche Klebstoffwahl bei der Restaurierung in den 50er Jahren vermutet.

7. Vorderkante des Vorderdeckels:

Im Bereich der Schließenösen sind die Reparaturunterklebungen aus Pergament sichtbar. Die Hanfüberklebungen beginnen sich faserig abzulösen. Die Verklebung auf dem Reparaturpergament und dem Einbandleder ist instabil. Die Farbe des verwendeten Hanfmaterials harmoniert nicht mit dem Einbandleder.

8. Vorderkante des Rückdeckels:

hintere obere Deckelecke mit Schließe
Im Bereich der Schließenriemen sind die Reparaturüberklebungen instabil und faserig angelöst. Die Oberfläche des originalen Schweinsleders zeigt leichte Verschmutzungen. Während der früheren Reparatur erfolgte eine ungleichmäßige Reinigung des Leders. Oberflächliche Schmutzpartikel wurden entfernt. Intensive Verschmutzungen besonders in den Stempel-, Rollen- und Streicheisenabdrücken wurden damals nicht beseitigt.

9. Schließenösen:

obere Schließenöse
Die Schließenösen sind die Originale aus der Entstehungszeit des Einbandes. Die obere Öse wurde mit auffallend überdimensionierten Nägeln während der früheren Reparatur befestigt. Die Verbindung zum Deckel ist instabil, beide Teile sind gelockert. Die Oberfläche der Messingösen wurde offensichtlich gereinigt.

10. Schließenhaken:

Die Schließenhaken sind die Originale aus der Entstehungszeit des Einbandes. Der untere Haken wurde mit auffallend überdimensionierten Nägeln während der früheren Reparatur befestigt. Die Oberfläche der Messinghaken wurde offensichtlich gereinigt. Auf Grund der Deckelwölbung gehen die Hacken sehr schwer zu öffnen, erfüllen aber ihre Funktion und halten den Buchblock gepresst.

11. Schließenriemen:

Die Originalriemen wurden während der früheren Reparatur mit Hanf überklebt und bei der anschließenden Befestigung im Hinterdeckel etwa 3 mm nach außen gezogen. Die Hanfüberklebung des unteren Schließenriemens ist instabil und beginnt sich abzulösen. Das Erscheinungsbild der Überklebungen ist unbefriedigend. Die Schließenriemen sind durch die Reparaturverklebungen steif und unbeweglich.

12. Haltebleche:

Das untere Halteblech ist beschädigt. Die Ecken des Bleches sind leicht nach außen umgebogen und stellen eine Gefährdung beim Benutzen der Handschrift dar. Das obere offensichtlich nachgefertigte Halteblech wurde mit auffallend überdimensionierten Messingnägeln während der früheren Reparatur befestigt. Die Nägel weisen leichte Korrosion auf. Beide Haltebleche sind gelockert.

13. Holzdeckel:

Beide Holzdeckel sind deutlich erkennbar verformt. Sie wölben sich nach außen. Die Abweichungen aus der Flucht betragen zwischen 4 und 6 mm im geöffneten Zustand der Schließen. Risse in den Vorsatzspiegeln weisen entweder auf unfachgerechte Verklebungen der aus je zwei Brettern zusammengesetzten Holzdeckel, oder auf durchgebrochene ganze Bretter hin.

14. Vorsatz vorn:

Der vordere Vorsatzspiegel besteht aus vier stark überlappend verklebten Papieren unterschiedlicher Struktur und wohl auch unterschiedlichen Alters. Diese Papiere sind offenbar eine Zugabe der früheren Reparatur. An zwei Blattkanten sind Spuren eines roten Farbschnittes vorhanden, der eindeutig nicht zur Liederhandschrift gehört.

15. Vorsatz hinten:

Sowohl Spiegel als auch fliegendes Blatt wurden aus mehreren unterschiedlichen Papieren zusammengefügt und nicht fachgerecht verklebt. Im oberen Bereich des Falzes ist der Vorsatzspiegel ca. 8 cm eingerissen. Unter dem hinteren Vorsatzspiegel ist deutlich eine unterklebte handschriftliche Notiz erkennbar.

16. Heftung und Schäden an den Pergamenten:

Blätter 1 und 2 mit Faltenbildung und Überklebungen
Der untere Doppelbund ist im vorderen Falzbereich angebrochen. Die meisten Pergamente zeigen mittlere bis starke Wellen- und Faltenbildung besonders in der Nähe der farbigen Initialen. In den bis zu 8 mm starken Vertiefungen der Falten zeigen sich mittlere Verschmutzungen. Die unteren Eckbereiche weisen starke Verbräunungen (Fingerspuren) auf. Faltenbildungen, die auf farbige Initialen übergreifen, stellen eine Gefahr für die Farben dar (Abrieb). Einige Initialen weisen bereits Farbverluste auf. In den Pergamenten 58 und 103 wurde je ein Riss festgestellt. Die Doppelblätter 76/79, 77/78 und das Blatt 103 haben sich aus dem Blockverbund gelöst und haften locker in der Bindung. Im Falzbereich der Pergamente zeigen sich starke Schmutzansammlungen. Die ersten vier Pergamente wurden während einer früheren Reparatur ästhetisch unbefriedigend und nicht fachgerecht teilweise beidseitig am unteren Rand beklebt. Diese Beklebung hat einen helleren Farbton als das Pergament, reflektiert sehr stark und ist als störend erkennbar.