FRAGMENTE VON HANDSCHRIFTEN AUS DEM UMFELD DER JENAER LIEDERHANDSCHRIFT

Basel, Öffentliche Bibliothek der Universität - Mscr. N I 3: 145 ( Kelin )

Kelin: Vyl riche selde mich mit Melodie
Deutschland, 1. Hälfte 14. Jh.
Pergament (Fragmente von 4 Doppelblättern), 28,3 x 21 cm
Textumfang: Kelin, Boppe, Fegfeuer, 40 Strophen aus dem Wartburgkrieg
Öffentliche Bibliothek der Universität Basel · Mscr. N I 3: 145

Die möglicherweise ursprünglich zu zwei Lagen gehörenden, zweispaltig be­schrifteten Fragmente einer Liederhandschrift aus dem 14. Jahrhundert dien­ten bis zur Entdeckung durch Rudolf Wackernagel im 19. Jahrhundert als Einbände für Akten der Basler Dompropstei aus dem Jahr 1577. Die starken Übereinstimmungen zwischen der Jenaer Liederhandschrift und dem Basler Fragment könnten auf eine gemeinsame Vorlage zurückgehen. Die auf fol. 1r-2v aufgezeichneten Strophen sind in der Jenaer Liederhandschrift "Meister Kelyn" zugewiesen, von den sechs Strophen auf fol. 3r-3v ist Nr. 4 auch in der Jenaer Liederhandschrift (dort fol. 113v) als Nachtragsstrophe unter "Meister Poppe" zu finden. Die vierzig Strophen des Wartburgkrieges (Basler Frag­ment, fol. 5r-8v) ohne musikalische Notation stehen in der Jenaer Liederhand­schrift auf fol. 124v-127r und fol. 129r-131r. Während der Jenaer Codex durchgehend die Nota quadrata verwendet, ist das Basler Fragment in goti­scher Notation (Hufnagelschrift) aufgezeichnet. Dennoch sind die Melodien vollkommen identisch.

Franz Körndle
Literatur: Marburger Repertorium
Bildmaterial: Digitalisate

Berlin, Staatsbibliothek – Preußischer Kulturbesitz - Hdschr. 401 ( Reinmar )

Reinmar von Zweter, Frau-Ehren-Ton
Mitteldeutschland, wohl Anfang 14. Jh.
Pergament (Querstreifen eines Doppelblattes), 6,8 x 29,2 cm
Textumfang: 8 Strophen, davon eine bislang unbekannt (Roethe Nr. 25 [Schluss fehlt], 39 [Anfang fehlt], 54 [nur Anfang], 99-100 [Anfang der ersten und Schluss der zweiten Strophe fehlen], 199 [nur Schluss des letzten Verses] 213 [Anfang fehlt])
Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz · Hdschr. 401

Die Herkunft des Fragments ist unbekannt. Als es 1983 veröffentlicht wurde, gehörte es Beate Buchholz (Bonn); seit 1993 wird es in der Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz verwahrt.

Die Handschrift, die durch das Fragment bezeugt ist, war einspaltig geschrie­ben. Die Strophen sind abgesetzt und durch eine zweizeilige Initiale markiert. Das Versende ist durch Reimpunkt hervorgehoben, der Versanfang durch eine Majuskel mit Zierstrich. Die Strophenteile sind durch größere Majuskeln gekennzeichnet, was auf eine genaue Kenntnis des Strophenbaus schließen lässt. Möglicherweise waren in dieser Handschrift alle Strophen mit Autor­namen versehen (fol. 2b).

Die dialektal nicht sonderlich ausgeprägte Schreibsprache zeigt neben nieder- wie hochdeutschen Formen auch solche, die für das Mitteldeutsche der Jenaer Liederhandschrift kennzeichnend sind (vůr- / vur- für ver-).

Überlieferungshistorisch gesehen ist das Fragment deshalb bedeutsam, weil es neben den deutlich jüngeren 'Möserschen Fragmenten' (Berlin, SBPK, Ms. germ. quart 795), der dialektal weiter nördlicher stehenden Leipziger Lieder­handschrift (Leipzig, UB, Rep. II 70a) und dem niederdeutschen Göttinger Bruchstück (Göttingen, SUB, Cod. Ms. Müller I,4) eine Reinmarrezeption im (nord-) mitteldeutschen Raum bezeugt. Es ist sogar vermutet worden, dass die durch das Fragment bezeugte Handschrift Reinmar speziell im mitteldeut­schen Norden, etwa am Hof der Askanier, vertreten haben könnte (Tervoo­ren). In jedem Fall könnte das Berliner Fragment, mit dem Soester Frauenlob-Frag­ment, in der Schreibsprache, der Stropheneinrichtung und anderen kodi­kolo­gischen Charakteristika eine Gruppe von Handschriften repräsentieren, die, so Tervooren, "interessante Vorstufen" zur Jenaer Liederhandschrift bil­den, "zwar weniger kostbar aus­gestaltet", aber "in Anlage und Schreibkon­vention" den Jenaer Codex vorbereitend.

Die sieben bereits durch andere Handschriften bekannten Strophen themati­sieren für Reinmar Typisches (Minne-, Frauen- und Tugendlehre; geistliche Ermahnung). Die nur hier erhaltenen Verse der achten Strophe schildern den Eingang des Weihnachtswunders.

Jens Haustein
Literatur: Marburger Repertorium
Bildmaterial: Digitalisate

Berlin, Staatsbibliothek – Preußischer Kulturbesitz - Ms. germ. quart. 981 ( Anonymus )

Anonym: Ich sezte minen vuz
Mitteldeutschland, 14. Jh.
Pergament (1 Blatt), 22 x 16 cm
Textumfang: eine ganze und eine unvollständige Strophe
Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz · Ms. germ. quart. 981

Das im ehemals Königlichen Provinzialarchiv von Magdeburg durch den Archivar Stock aufgefundene und über das Berliner Staatsarchiv an die Kö­nigliche Bibliothek zu Berlin (heute Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz) gelangte Pergamentblatt diente zum Umschlag einer Rechnung des Amtes Jüterbog (Brandenburg) und wurde zuerst von Friedrich Wiggert (1832) abgedruckt.

Es überliefert annähernd zwei Liedstrophen eines Anonymus, die seit ihrer Bekanntmachung als Anfang eines Frühlingsliedes bezeichnet werden. Sie weisen ein bemerkenswert kompliziertes metrisches Schema auf. Die erste Strophe ist darüber hinaus mit einer an Melismen reichen Melodie in gotischer Neumenschrift mit Metzer Einschlag vollständig neumiert. Die kolometrische Darstellung des Strophenbaus durch den Wechsel der Initialenfarbe zwischen rot und blau, die Auszeichnung des Strophenbeginns durch eine größere Ini­tiale und die Verwendung von Reimpunkten stellt das Fragment in einen Zu­sammenhang mit der Jenaer Liederhandschrift und deren Umkreis, wobei die Systematik nicht ganz so aufwendig ist. Die Schreibsprache, die als 'schrift­mitteldeutsch auf niederdeutscher Grundlage' (Thomas Klein) charakterisiert wurde, weist trotz gewisser Abweichungen im Detail auch auf diesen Umkreis hin, wenngleich das Lied auch nicht dem Sangspruch, sondern eher der Liebeslyrik zuzuordnen ist. Möglicherweise stellt es den Beginn einer Pastourelle dar.

Franz Körndle

Literatur: Marburger Repertorium
Bildmaterial: Digitalisate

Dillingen, Studienbibliothek - XV Fragm. 19 ( Einzelblatt aus J )

Der 'Wartburgkrieg'
Mitteldeutschland, um 1330
Pergament (1 Blatt - aus der Jenaer Liederhandschrift), 41,8 x 24-25,6 cm
Textumfang: 10 vollständige Strophen; Schlusszeile einer elften, Beginn einer zwölften Strophe (Fortsetzung der Jenaer Liederhandschrift, fol. 133r)
Studienbibliothek Dillingen · XV Fragm. 19

Das aus der Jenaer Liederhandschrift stammende Blatt wurde 1917 von Alfred Schröder entdeckt, der zwar erkannte, dass es sich um Strophen aus dem 'Rätselspiel' des 'Wartburgkrieges' handelt, nicht aber die Herkunft aus dem Jenaer Codex. Es bildete dort einst das hintere Blatt des nach fol. 132 und vor fol. 133 fehlenden Doppelblattes. Im weiteren Verlauf diente es als Einband - daher auch die für diesen Zweck übliche Beschneidung aller vier Ecken - für eine Sammlung von 19 protestantischen Traktaten und Schriften, die zwischen 1546 und 1603 gedruckt wurden. Der Sammelband (Dillingen, Studienbibliothek, VI 893) war vermutlich ursprünglich Bestandteil der Bibliothek des Lauinger Gymnasiums illustre, von wo aus er in das nahe gele­gene Dillingen gelangte.

Ganz unklar ist, wann das Blatt herausgeschnitten wurde. Nimmt man an, dass dies geschah, bevor die Lagen der Jenaer Liederhandschrift zum ersten Mal gebunden wurden, also vor 1541, bleibt offen, wo sich das Blatt vor der Verwendung als Einband des Dillinger Sammelbandes, die nach 1603 liegen muss, befunden hat. Hinweise auf eine frühere Benutzung als Einband gibt es jedenfalls nicht.

Von den rund 20 Strophen, die mit dem Doppelblatt zwischen fol. 132 und 133 der Jenaer Liederhandschrift fehlen, ist damit rund die Hälfte der Stro­phen wieder zugänglich. Das Blatt überliefert in der ersten und dem Anfang der zweiten Spalte eine in den Parallelhandschriften C (Manessische Lieder­handschrift) und L ('Lohengrin') an anderer Stelle des 'Rätselspiels' integrierte Szene, in der der Teufel Nasion Wolframs Astronomiekenntnisse prüfen will. Es folgen vier Einzelstrophen, von denen drei bislang nur aus C bekannt wa­ren; die vierte, hier leider schwer lesbare Strophe, ist sonst unbekannt. Den Schluss bilden drei Strophen, in denen Klingsor ein Rätsel stellt, das Wolfram im Anschluss (auf fol. 133) lösen kann.

Jens Haustein

Literatur: Marburger Repertorium
Bildmaterial: Digitalisate

Gotha, Forschungsbibliothek - Memb. I 130 ( Wolfram )

Mitteldeutsche Epenhandschrift
Mitteldeutschland, um 1330
Pergament, ursprünglich ca. 47,5 x 36,5 cm
Inhalt: Wolfram von Eschenbach, 'Parzival'; 'Segremors'

Im 19. Jahrhundert wurden nach und nach Blätter einer großformatigen Epenhand­schrift entdeckt, die in den Jahren um 1540 makuliert und gemäß ihrer Aufschriften zu Bindearbeiten teils im Amt Arnstadt (Nr. 2), teils im Amt Wachsenburg nahe Arnstadt (Nr. 1, 3, 4) verwendet worden war. Diese Handschrift enthielt außer dem 'Parzival' Wolframs von Eschenbach wenigstens noch den anonymen 'Segremors', eine wohl in Thüringen entstandene Sprossdichtung um eine arthurische Nebenfigur.

Der Handschrift lassen sich die folgenden Blätter zuordnen:
1. Forschungsbibliothek Gotha · Memb. I 130 ('Parzival')

2. Schlossmuseum Sondershausen · Germ. lit. 2 (olim: Hs Br. 3) (' Parzival')
3. Forschungsbibliothek Gotha · Memb. I 133 ('Segremors')

4. Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar · Ern. Ges.arch., Reg. V 1 ('Segremors')

Die Epenhandschrift wurde als "Schwesterhandschrift" der Jenaer Lieder­handschrift angesprochen, da sie die nämlichen Ausstattungsmerkmale (For­mat, Layout, Schrift) aufweist. Es gilt als ausgemacht, dass beide Handschrif­ten wenn nicht von demselben Hauptschreiber, so doch von demselben Skriptorium angefertigt wurden. Im Gegensatz zu den Strophen der Jenaer Liederhandschrift, die fortlaufend notiert wurden, sind die Verse der Epen­handschrift jedoch abgesetzt, wie es seit dem frühen 13. Jahrhundert Brauch wurde; Reimpunkte markieren die Versenden. Durch die Ausrückung des An­verses erscheint das Verspaar als Einheit. Rote und blaue Initialen mit einer feinen Fleuronnée-Füllung wechseln regelmäßig. Das ausgewogene, transpa­rente Layoutkonzept findet sich im ausgehenden 13. und frühen 14. Jahrhun­dert bevorzugt in ostbairischen, österreichischen und böhmischen Codices.

Die offenkundige Nähe zur Jenaer Liederhandschrift erleichterte die genauere Einordnung der Epenhandschrift nur bedingt, übernahm man doch von hier mitunter widersprüchliche Angaben zum Schreibdialekt. Attestierte man dem Jenaer Codex stets einen niederdeutschen Einfluss, galt für die Epenhandschrift generell ostmitteldeutsche, näherhin thüringische Färbung (Bo­nath/Lomnitzer).

Entstehungs- und Aufbewahrungsort der Epenhandschrift vor 1540 sind un­bekannt. Der Codex dürfte allerdings nicht allzu weit vom Ort seiner Makulie­rung gelagert haben. Liturgische, juristische und theologische Fragmente, die seit 1535/36 in Arnstadt als Einbände verwendet wurden, entstammen über­wiegend den 1533 bzw. 1538 aufgehobenen Arnstädter Klöstern, die sich im Herrschaftsbereich der Grafen von Schwarzburg befanden.


Die erhaltenen Fragmente aus der Epenhandschrift lassen sich wie folgt auf zwei Werkzusammenhänge aufteilen:

1. Wolfram von Eschenbach, 'Parzival'
Pergament (1 Doppelblatt), 44,4 x 34,5 cm (Gotha)
(1 Doppelblatt), 46,5 x 35,5 + 31,2 x 12,5 cm (Sondershausen)
Textumfang: 'Parzival' Buch I, 15, 13 - 24, 26 (Gotha) Buch I, 48, 27 - 52, 20; Buch II, 63, 9 - 68, 2 (Sondershausen)
Forschungsbibliothek Gotha · Memb. I 130

Schlossmuseum Sondershausen · Germ. lit. 2 (olim: Hs Br. 3)

Das Sondershäuser Doppelblatt wurde 1889 von zwei Heimatforschern, dem Gymnasiallehrer Prof. Emil Einert und dem Archivrat Hermann Schmidt, im Regierungsarchiv Arnstadt als Umschlag einer Rechnung des Amtes Arnstadt (1540-1541) entdeckt, abgelöst und 1890 von Otto Behaghel der Fachwelt angezeigt. Behaghel fiel auch die Zusammengehörigkeit mit dem 1868 von Franz Pfeiffer publizierten Gothaer Doppelblatt auf. Er notierte die Lesarten des Sondershäuser Bruchstücks und setzte sie ins Verhältnis zum (unvollstän­digen und unzuverlässigen) Apparat von Lachmanns 'Parzival'-Ausgabe. Ge­meinsam tragen die Bruchstücke die Sigle h und gehört zur Handschriften­klasse *D. Mit der alten und wichtigen D-Klasse teilt das Gothaer Bruchstück die Auslassung der Verse 17, 1-2. Vor 18, 17 befindet sich ein gereimter Titulus (hie tůt diz mere kvnt / Aventivre von patelamunt). Der zusammenhängende Text des (in zwei Teile zerschnittenen) Sondershäuser Fragments ist noch un­veröffentlicht.

Beide Fragmente stammen vom mutmaßlichen Anfang der Handschrift. Das Bruchstück aus Gotha war das innere Doppelblatt wohl des ersten, das aus Sondershausen das dritte Doppelblatt des zweiten Quaternio. Sie enthalten längere Abschnitte aus den beiden ersten Büchern des 'Parzival', die die Ge­schichte Gahmurets, des Vaters des Titelhelden, erzählen. Gahmuret, der jün­gere Sohn des Königs Gandin von Anschouwe, zieht in den Orient und be­währt sich im Dienst des Baruc. Das Fragment setzt ein, nachdem er Bela­kane, die dunkelhäutige Königin von Zazamanc, aus einer militärischen Not­lage befreit und ihre Zuneigung erworben hat. Zwölf Wochen nach Hochzeit und Hochzeitsnacht stiehlt sich der Ruhelose jedoch bei Nacht davon. Er ge­langt nach Kanvoleiz (Buch II), wo er als König von Zazamanc ein Turnier gewinnt, dessen Ausrichterin Herzeloyde ihn ihrerseits als Gemahl bean­sprucht und diesen Anspruch auch gerichtlich durchsetzt. Die Geburt seiner Söhne Feirefiz (Belakane) und Parzival (Herzeloyde) wird Gahmuret, der bald darauf im Orient umkommt, nicht mehr erleben.

Literatur: Marburger Repertorium
Bildmaterial: Digitalisate - Memb. I 130
Bildmaterial: Digitalisate - Germ. lit. 2

2. 'Segremors'
Den Inhalt des 'Segremors' Fragments finden Sie auf der nächsten Seite.

Gotha, Forschungsbibliothek - Memb. I 133 ( Segremors )

Den übergeordneten Text "Mitteldeutsche Epenhandschrift" finden Sie auf der vorhergehenden Seite.
2. 'Segremors'
Pergament (1 Blatt), 43,7 x 33 cm (Weimar) (1 Doppelblatt), 47,5 x 36,7 cm (Gotha)
Forschungsbibliothek Gotha · Memb. I 133

Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar · Ernestinisches Gesamtarchiv, Reg. V 1

Ein unbekannter, gewiss mitteldeutscher, vielleicht thüringischer Autor hat der arthurischen Nebenfigur Segremors um 1250 (oder später) einen eigenen Roman gewidmet. Sehr wahrscheinlich arbeitete er nach dem 'Meraugis de Portlesguez' des Raoul de Houdenc (um 1215). Insgesamt kennen wir 571 Verse (Gesamtlänge 'Erec': ca. 10000; 'Iwein': ca. 8000; 'Wigalois': ca. 12000). Der Inhalt lässt sich daher nur anhand einer Vorentscheidung über die Nähe zur französischen Quelle rekonstruieren.

Offensichtlich besitzen wir Passagen aus dem vorderen Bereich der Dichtung: Im Weimarer Bruchstück (144 Verse) bricht Segremors in Begleitung seiner Minnedame Nyobe gegen den Widerstand des Zwergen Malgrim auf, um Ga­wein zu helfen. Im Gothaer Fragment (288 Verse) verspricht Segremors Ma­nion, Rache zu nehmen an einem brutalen Ritter. Auf der Suche nach Gawein kommt er zu einem Fest, bei dem der Turniersieger aus den Heiratswilligen Paare bestimmen darf (B I). - Auf einer idyllischen Insel soll Segremors gegen einen von einer Fee gefangenen Ritter (bei Raoul: Gawein!) kämpfen, der Sie­ger muss als Liebhaber der Fee dort verbleiben (B II). Aus dem Krakauer Fragment (C), das zu einer anderen Handschrift (um 1300, 139 Verse) gehört, ist noch eine List zu ergänzen: Segremors und Gawein verabreden in einem vorgetäuschten Kampf, dass Gawein sich gefangen nehmen lassen solle, um den in einer Burg festgesetzten Segremors und Nyobe zu helfen.

Der 'Segremors', der Artus- und Feenroman phantasievoll verbindet, war kein Erfolgstext. Beide Handschriften weisen thüringische Spracheigentümlich­keiten auf.

Christoph Fasbender


Literatur: Marburger Repertorium
Bildmaterial: Digitalisate - Memb. I 133
Bildmaterial: Digitalisate - Ern. Ges.arch., Reg. V 1

Krakau, Biblioteka Jagiellońska - Berol. Ms. germ. oct. 682 ( Walther )

Walther von der Vogelweide
Niederdeutschland, 2. Viertel 14. Jh.

Pergament (2 Doppelblätter), 21 x 13 cm
Textumfang: 44 Strophen
Biblioteka Jagiellońska Krakau · Berol. Ms. germ. oct. 682

In einer Sammlung orientalischer Handschriftenreste, die von Einbänden ab­gelöst wurden, entdeckte Hermann Degering 1931 in der Preußischen Staats­bibliothek Berlin die zwei Pergamentdoppelblätter mit Liedern Walthers von der Vogelweide, die in der Forschung die Sigle O erhalten haben. Die insge­samt 44 Strophen (davon 8 unvollständig) ohne Verfassernennung werden in anderen Handschriften Walther von der Vogelweide zugeschrieben und gehö­ren zu 11 Minneliedern (Cormeau 26, 85, 35, 29, 88, 42, 94, 21, 106, 44, 37). Fünf Strophen (Cormeau 106), die im Hausbuch Michaels de Leone zu Wal­thers Œuvre zählen, werden in der Manessischen Liederhandschrift Walther von Mezze, vier davon in der Kleinen Heidelberger Liederhandschrift dem Truchsess von St. Gallen, Ulrich von Singenberg, zugeschrieben. Die Anbin­dung an den Umkreis der Jenaer Liederhandschrift ist nicht unmittelbar gege­ben: die beiden Doppelblätter sind früher zu datieren, bieten keine Melodie­überlieferung und stellen insgesamt mit der einfachen Kursive und spärlichen blauen Verzierungen einen eher kunst- und anspruchslosen Überlieferungs­träger dar. Die Strophengliederung erinnert von der Systematik, nicht von der konkreten Ausführung her, an die der Jenaer Liederhandschrift. Hinsichtlich der Schreibsprache erweist sich das Fragment als niederdeutsche Abschrift einer wohl ostmitteldeutsch/thüringischen Vorlage. Insofern bezeugt sie mit­telbar das Vorhandensein lyrischer Überlieferung für einen regionalen Raum, in dem die Jenaer Liederhandschrift entstanden ist. Als Folge des Zweiten Weltkriegs befindet sich das Fragment heute als Teil der so genannten "Ber­linka" in der Krakauer Biblioteka Jagiellońska.

Wolfgang Beck


Literatur: Marburger Repertorium
Bildmaterial: Digitalisate

Münster, Landesarchiv Nordrhein-Westfalen / Staatsarchiv - Msc. VII, 51 ( Walther )

Walther von der Vogelweide
Mitteldeutschland/Niederdeutschland, 1. Viertel 14. Jh.

Pergament (1 Doppelblatt), 25,5 x 14,5 cm
Textumfang: Walther Z (Cormeau 115, I-III; 7, I II XII III-VIII X IX XI; 11, I XV XIV IX XVII XII VII IV; 11a; 8b)
Landesarchiv Nordrhein-Westfalen / Staatsarchiv Münster · Msc. VII, 51

Bei der Inventarisierung des Archivs des südwestfälischen Adelsgeschlechtes von Romberg entdeckte der Münsteraner Archivrat Merx um 1910 ein Per­gamentdoppelblatt, das quergefaltet als Umschlag für Kornabrechnungen des Rotger von Diepenbrock aus dem Jahre 1522 diente (Rombergsches Archiv, Haus Buldern, Akten Nr. 865). Das zweispaltige Doppelblatt, das nicht das innerste Doppelblatt einer Lage bildet, überliefert neben 26 Walther-Strophen auch eine vollständige (Palästinalied) und drei fragmentarische Stro­phen-Melodien (zu Cormeau 115; zweiter Stollen des König-Friedrich-Tones; erster Stollen des 2. Philippstones) in gotischer deutscher Choralnotation und bildet damit die "wichtigste Quelle für Melodien Walthers" (Horst Brunner). Die auf fünf Notenlinien notierten Melodien sind mit einem c-Schlüssel und einem f-Schlüssel versehen, dies erlaubt die Bestimmung der Tonhöhe; der Rhythmus indes lässt sich nicht rekonstruieren. Strophenanfänge sind durch rote Lom­barden, Stollenanfänge und Abgesangsanfänge wenigstens teilweise durch rote Majuskeln markiert, damit ist das kolometrische System insgesamt etwas we­niger aufwendig als das der Jenaer Liederhandschrift. Die nicht abge­setzt no­tierten Verse werden durch rot durchstrichelte schwarze Majuskeln markiert.

Inhalt des Fragments ist das Palästinalied sowie Spruchdichtung im König-Friedrichston und im Zweiten Philippston. Fünf Walther-Strophen sind nur in diesem Fragment überliefert. Die 1 ½ Zeilen Daz eyme wol getzogenen man / Tzvr werl[...] unter der Angabe Meyster Reymar lassen sich keinem Autor zuweisen.

Die Handschrift wurde nach geläufiger Forschungsmeinung um 1330 in mit­teldeutscher Schreibsprache von einem vermutlich westfälischen Schreiber ge­schrieben (Thomas Klein). Der Sprachstand erinnert auf den ersten Blick an den der Jenaer Liederhandschrift, die Übereinstimmungen seien nach Karl Bartsch derart auffallend, dass "dieses Blatt ohne weiteres in J stehen könnte." Mit dem Jenaer Codex teilt das Münstersche Fragment zu­dem ein Überliefe­rungsinteresse an Spruchdichtung. Dass es allerdings aus einer verloren gegangenen Liederhandschrift stammt, wie öfters behauptet, lässt sich bezwei­feln: Seiteneinrichtung und buch­binderische Verarbeitung legen nahe, dass das Doppelblatt aus einer Handschrift stammt, die auch Konrads von Würzburg 'Goldene Schmiede' (Münster, Staatsarchiv, Msc. VII 2d, 29) überlieferte.

Wolfgang Beck


Literatur: Marburger Repertorium
Bildmaterial: Digitalisate

Soest, Stadtarchiv und Wissenschaftliche Stadtbibliothek - Fragment 157 ( Frauenlob )

Frauenlob, Langer Ton
Mitteldeutschland, 1. Viertel 14. Jh.
Pergament (1 Blatt), 32,2 x 22,3 cm
Textumfang: 10 Strophen (GA V,37, ab v.11; V,30-32; V,43-45; V,102-104, bis v. 5)
Stadtarchiv und Wissenschaftliche Stadtbibliothek Soest · Fragment 157

Das Blatt wurde als Einband für zwei Lübecker Drucke aus den Jahren 1550 und 1551 benutzt, die sich laut Einträgen auf den Titelblättern im Besitz von Thomas Schwartz befanden. Dieser war, nachdem er geistliche Ämter in der Nähe Lübecks inne gehabt hatte, 1555 in seine Heimatstadt Soest zurück­kehrt. Mit der Bibliotheca Ministerii Susatensis, der der Sammelband nach dem Tod von Schwartz gehört hatte, gelangte er in das Stadtarchiv Soest.

Das nur leicht beschnittene Blatt wird auf um oder bald nach 1300 datiert, könnte also noch zu Lebzeiten Frauenlobs († 1318) entstanden sein. Die Schreibsprache gilt wie die der Jenaer Liederhandschrift als Schriftmittel­deutsch auf niederdeutscher Grundlage. Zudem sind im Soester Fragment wie in der Jenaer Liederhandschrift die Strophenanfänge durch große Initialen gekennzeichnet, die Anfänge der zweiten Stollen und der Abgesänge durch rote oder blaue kleinere Initialen. Auch in diesem Fall muss der Schreiber also eine genaue Vorstellung vom Strophenbau gehabt haben. Darüber hinaus auf­fällig ist, dass das Soester Fragment die Frauenlob-Strophen in der gleichen Reihenfolge und Gruppierung wie die Jenaer Liederhandschrift überliefert. So hebt sich etwa die Dreigruppe V,30-32 mit ihrem Lob der Ritterschaft, aber auch der Mahnung an diesen Stand, nicht die Dörperheit in ihr Gefolge aufzu­nehmen, hier wie dort erkennbar von ihrer Strophenumgebung ab. Vergleich­bares gilt für die Gruppe V,43-45, in der es um die Voraussetzungen des Fürstenlobs geht, und wohl auch für V,102-104, die Fragen der Namens­gebung und Etymologie behandelt. Dieser wohl mehr als zufälligen Nähe in der Anordnung der Strophen stehen eigenartigerweise erhebliche Differenzen in den Lesarten entgegen. Im Fall von V,31, der einzigen Strophe, die auch in C (Manessische Liederhandschrift) überliefert ist, gehören sogar das Soester Fragment und C erkennbar gegen die Jenaer Liederhandschrift zusammen.

Jens Haustein

Literatur: Marburger Repertorium
Bildmaterial: Digitalisate

Sondershausen, Schlossmuseum - Germ. lit. 2 (olim: Hs Br. 3) ( Wolfram )

Mitteldeutsche Epenhandschrift
Mitteldeutschland, um 1330
Pergament, ursprünglich ca. 47,5 x 36,5 cm
Inhalt: Wolfram von Eschenbach, 'Parzival'; 'Segremors'

Im 19. Jahrhundert wurden nach und nach Blätter einer großformatigen Epenhand­schrift entdeckt, die in den Jahren um 1540 makuliert und gemäß ihrer Aufschriften zu Bindearbeiten teils im Amt Arnstadt (Nr. 2), teils im Amt Wachsenburg nahe Arnstadt (Nr. 1, 3, 4) verwendet worden war. Diese Handschrift enthielt außer dem 'Parzival' Wolframs von Eschenbach wenigstens noch den anonymen 'Segremors', eine wohl in Thüringen entstandene Sprossdichtung um eine arthurische Nebenfigur.


Der Handschrift lassen sich die folgenden Blätter zuordnen:
1. Universitäts- und Forschungsbibliothek Erfurt / Gotha · Memb. I 130 ('Parzival')
2. Schlossmuseum Sondershausen · Germ. lit. 2 (olim: Hs Br. 3) ('Parzival')
3. Universitäts- und Forschungsbibliothek Erfurt / Gotha · Memb. I 133 ('Segremors')
4. Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar · Ern. Ges.arch., Reg. V 1 ('Segremors')


Die Epenhandschrift wurde als "Schwesterhandschrift" der Jenaer Lieder­handschrift angesprochen, da sie die nämlichen Ausstattungsmerkmale (For­mat, Layout, Schrift) aufweist. Es gilt als ausgemacht, dass beide Handschrif­ten wenn nicht von demselben Hauptschreiber, so doch von demselben Skriptorium angefertigt wurden. Im Gegensatz zu den Strophen der Jenaer Liederhandschrift, die fortlaufend notiert wurden, sind die Verse der Epen­handschrift jedoch abgesetzt, wie es seit dem frühen 13. Jahrhundert Brauch wurde; Reimpunkte markieren die Versenden. Durch die Ausrückung des An­verses erscheint das Verspaar als Einheit. Rote und blaue Initialen mit einer feinen Fleuronnée-Füllung wechseln regelmäßig. Das ausgewogene, transpa­rente Layoutkonzept findet sich im ausgehenden 13. und frühen 14. Jahrhun­dert bevorzugt in ostbairischen, österreichischen und böhmischen Codices.

Die offenkundige Nähe zur Jenaer Liederhandschrift erleichterte die genauere Einordnung der Epenhandschrift nur bedingt, übernahm man doch von hier mitunter widersprüchliche Angaben zum Schreibdialekt. Attestierte man dem Jenaer Codex stets einen niederdeutschen Einfluss, galt für die Epenhandschrift generell ostmitteldeutsche, näherhin thüringische Färbung (Bo­nath/Lomnitzer).

Entstehungs- und Aufbewahrungsort der Epenhandschrift vor 1540 sind un­bekannt. Der Codex dürfte allerdings nicht allzu weit vom Ort seiner Makulie­rung gelagert haben. Liturgische, juristische und theologische Fragmente, die seit 1535/36 in Arnstadt als Einbände verwendet wurden, entstammen über­wiegend den 1533 bzw. 1538 aufgehobenen Arnstädter Klöstern, die sich im Herrschaftsbereich der Grafen von Schwarzburg befanden.


Die erhaltenen Fragmente aus der Epenhandschrift lassen sich wie folgt auf zwei Werkzusammenhänge aufteilen:
1. Wolfram von Eschenbach, 'Parzival'
Pergament (1 Doppelblatt), 44,4 x 34,5 cm (Gotha)
(1 Doppelblatt), 46,5 x 35,5 + 31,2 x 12,5 cm (Sondershausen)
Textumfang: 'Parzival' Buch I, 15, 13 - 24, 26 (Gotha) Buch I, 48, 27 - 52, 20; Buch II, 63, 9 - 68, 2 (Sondershausen)
Universitäts- und Forschungsbibliothek Erfurt / Gotha · Memb. I 130
Schlossmuseum Sondershausen · Germ. lit. 2 (olim: Hs Br. 3)


Das Sondershäuser Doppelblatt wurde 1889 von zwei Heimatforschern, dem Gymnasiallehrer Prof. Emil Einert und dem Archivrat Hermann Schmidt, im Regierungsarchiv Arnstadt als Umschlag einer Rechnung des Amtes Arnstadt (1540-1541) entdeckt, abgelöst und 1890 von Otto Behaghel der Fachwelt angezeigt. Behaghel fiel auch die Zusammengehörigkeit mit dem 1868 von Franz Pfeiffer publizierten Gothaer Doppelblatt auf. Er notierte die Lesarten des Sondershäuser Bruchstücks und setzte sie ins Verhältnis zum (unvollstän­digen und unzuverlässigen) Apparat von Lachmanns 'Parzival'-Ausgabe. Ge­meinsam tragen die Bruchstücke die Sigle h und gehört zur Handschriften­klasse *D. Mit der alten und wichtigen D-Klasse teilt das Gothaer Bruchstück die Auslassung der Verse 17, 1-2. Vor 18, 17 befindet sich ein gereimter Titulus (hie tůt diz mere kvnt / Aventivre von patelamunt). Der zusammenhängende Text des (in zwei Teile zerschnittenen) Sondershäuser Fragments ist noch un­veröffentlicht.

Beide Fragmente stammen vom mutmaßlichen Anfang der Handschrift. Das Bruchstück aus Gotha war das innere Doppelblatt wohl des ersten, das aus Sondershausen das dritte Doppelblatt des zweiten Quaternio. Sie enthalten längere Abschnitte aus den beiden ersten Büchern des 'Parzival', die die Ge­schichte Gahmurets, des Vaters des Titelhelden, erzählen. Gahmuret, der jün­gere Sohn des Königs Gandin von Anschouwe, zieht in den Orient und be­währt sich im Dienst des Baruc. Das Fragment setzt ein, nachdem er Bela­kane, die dunkelhäutige Königin von Zazamanc, aus einer militärischen Not­lage befreit und ihre Zuneigung erworben hat. Zwölf Wochen nach Hochzeit und Hochzeitsnacht stiehlt sich der Ruhelose jedoch bei Nacht davon. Er ge­langt nach Kanvoleiz (Buch II), wo er als König von Zazamanc ein Turnier gewinnt, dessen Ausrichterin Herzeloyde ihn ihrerseits als Gemahl bean­sprucht und diesen Anspruch auch gerichtlich durchsetzt. Die Geburt seiner Söhne Feirefiz (Belakane) und Parzival (Herzeloyde) wird Gahmuret, der bald darauf im Orient umkommt, nicht mehr erleben.



Literatur: Marburger Repertorium
Bildmaterial: Digitalisate - Memb. I 130
Bildmaterial: Digitalisate - Germ. lit. 2

2. 'Segremors'
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Weimar, Thüringisches Hauptstaatsarchiv - Ernest. Gesamtarchiv, Reg. V 1 ( Segremors )

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2. 'Segremors'
Pergament (1 Blatt), 43,7 x 33 cm (Weimar) (1 Doppelblatt), 47,5 x 36,7 cm (Gotha)
Universitäts- und Forschungsbibliothek Erfurt / Gotha · Memb. I 133
Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar · Ernestinisches Gesamtarchiv, Reg. V 1


Ein unbekannter, gewiss mitteldeutscher, vielleicht thüringischer Autor hat der arthurischen Nebenfigur Segremors um 1250 (oder später) einen eigenen Roman gewidmet. Sehr wahrscheinlich arbeitete er nach dem 'Meraugis de Portlesguez' des Raoul de Houdenc (um 1215). Insgesamt kennen wir 571 Verse (Gesamtlänge 'Erec': ca. 10000; 'Iwein': ca. 8000; 'Wigalois': ca. 12000). Der Inhalt lässt sich daher nur anhand einer Vorentscheidung über die Nähe zur französischen Quelle rekonstruieren.

Offensichtlich besitzen wir Passagen aus dem vorderen Bereich der Dichtung: Im Weimarer Bruchstück (144 Verse) bricht Segremors in Begleitung seiner Minnedame Nyobe gegen den Widerstand des Zwergen Malgrim auf, um Ga­wein zu helfen. Im Gothaer Fragment (288 Verse) verspricht Segremors Ma­nion, Rache zu nehmen an einem brutalen Ritter. Auf der Suche nach Gawein kommt er zu einem Fest, bei dem der Turniersieger aus den Heiratswilligen Paare bestimmen darf (B I). - Auf einer idyllischen Insel soll Segremors gegen einen von einer Fee gefangenen Ritter (bei Raoul: Gawein!) kämpfen, der Sie­ger muss als Liebhaber der Fee dort verbleiben (B II). Aus dem Krakauer Fragment (C), das zu einer anderen Handschrift (um 1300, 139 Verse) gehört, ist noch eine List zu ergänzen: Segremors und Gawein verabreden in einem vorgetäuschten Kampf, dass Gawein sich gefangen nehmen lassen solle, um den in einer Burg festgesetzten Segremors und Nyobe zu helfen.

Der 'Segremors', der Artus- und Feenroman phantasievoll verbindet, war kein Erfolgstext. Beide Handschriften weisen thüringische Spracheigentümlich­keiten auf.


Christoph Fasbender

Literatur: Marburger Repertorium
Bildmaterial: Digitalisate - Memb. I 133
Bildmaterial: Digitalisate - Ern. Ges.arch., Reg. V 1

Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek - Cod. Guelf. 404.9 (11) Novi ( Rumelant )

Rumelant (von Sachsen)
Mitteldeutschland, 2. Viertel 14. Jh.
Pergament (2 Streifen eines Doppelblattes), 14,5 x 20,4 cm
Textumfang: 9 fragmentierte Strophen (Ton IV: 7, 8, 14, 15, 16, 17, 18; Ton V: 2, 3)
Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel · Cod. Guelf. 404.9 (11) Novi


Der Wolfenbütteler Bibliothekar Otto von Heinemann (1824-1906) fand bei seinem Amtsantritt eine größere Anzahl von Fragmenten vor, die frühere Bibliothekare aus Einbänden gelöst hatten. Sie wurden geordnet und in eine neue Signaturengruppe, die classis nova, eingruppiert. Unter den deutsch­sprachigen Fragmenten erwiesen sich zwei Pergamentstreifen mit Liedern Rumelants als zusammengehörig. Die beiden Streifen, die als Einbandmaterial für einen nicht mehr identifizierbaren Codex dienten, ergeben zusammen die untere Hälfte eines Doppelblattes. Die Einrichtung des zweispaltigen Textes in gotischer Buchschrift mit roten Überschriften, roten und blauen Initialen, nicht abgesetzten Versen, dafür aber Reimpunkten sowie mit einem vorgese­henen Notensystem auf fol. 2v mit vier Notenlinien (so auch in der Jenaer Liederhandschrift), jedoch ohne Noten weist auf eine Liederhandschrift hin. Ein Autorname ist nicht überliefert, er wird möglicherweise am Beginn des Liedcorpus verzeichnet gewesen sein.

Schon Karl Bartsch sah eine enge Verwandtschaft des Fragments mit der Jenaer Liederhandschrift und vermutete, beide Überlieferungsträger seien "von einander unabhängige Abschriften derselben Vorlage". Sie sind ungefähr gleichzeitig zu datieren und stimmen zudem in der Reihenfolge der Strophen überein. Die Ähnlichkeit der Wolfenbütteler Fragmente mit der Jenaer Lie­derhandschrift manifestiere sich auch in der Schreibsprache, wobei das Wol­fenbütteler Fragment weniger niederdeutsche Graphien aufweist als die Jenaer Liederhandschrift. Ein Überlieferungszusammenhang ergibt sich auch durch die hier tradierte Gattung der Spruchdichtung; zudem sind beide Überliefe­rungsträger relativ zeitnah zur Wirkungszeit und auch lokal nah an den Her­kunftsraum und Wirkungsraum des Dichters zu setzen.



Wolfgang Beck

Literatur: Marburger Repertorium
Bildmaterial: Digitalisate