BUCHDRUCKGEWERBE


Die „neue Bewegung“ fasste im Buchgewerbe selbst nur zögernd Fuß. Diederichs griff schon in der Anfangszeit seiner Verlagstätigkeit nur vereinzelt auf das vorhandene, zeittypische Angebot von Ornamenten von Schriftgießereien und Druckereien zurück, wenn er auch von deren Schriftvorrat abhängig war (wobei die kräftige Römische Antiqua von Genzsch & Heyse wie ein Vorbote kommender Schriftentwicklung wirkte). In seiner Heimatstadt, bei Gottfried Pätz in Naumburg, fand er eine Art Hausdruckerei, die seinen Vorstellungen zu entsprechen suchte. Bei den künstlerisch exemplarischen Werken arbeitete er gewöhnlich mit den ersten (und auch teuersten) Druckereien in Deutschland zusammen, die bald einen "Rückhalt der Modernen" bildeten (Schauer 1963, S. 195/6), der Berliner Druckerei Otto von Holten, der Leipziger Offizin Drugulin oder der von Karl Klingspor (Rudhard’sche Druckerei, ab 1906 Gebr. Klingspor) in Offenbach.
Ein Stoßseufzer (ED an Martha Hart, Pk. 4. 12. 1897, St.u.L.Bibl. Dortmund) erlaubt einen Einblick in die Zähigkeit der Prozesse: "Wie es geht? Umschichtig! Bilde mich zum Bluthund aus, da Drucker und Buchbinder mich zur Verzweifelung bringen. Heute bin ich schon zufrieden, wenn ich Dienstag jenseits ihrer Machinationen stehe." Seit 1901 fand Diederichs vielfältige Unterstützung durch den USA-erfahrenen Carl Ernst Poeschel und dessen Leipziger Firma Poeschel & Trepte. Dieser wurde zu einer Antriebskraft und zum Theoretiker der Reform des Buchdrucks. Helene Voigt-Diederichs erzählte von seiner Wirkung innerhalb des Leipziger Freundeskreis in dieser Zeit, die die Abwendung vom Jugendstil mit sich bringen sollte und die Hinwendung zur Typographie: „Ihr [Poeschels] Entzücken an dem tadellosen Papier, der meisterlich geschnittenen, gesetzten und angeordneten Schrift teilte sich uns mit. Jedermann, mehr oder weniger auf eigene Faust schon vorbereitet, fühlte sich deutlicher der neuen Wahrheit verpflichtet: los von Nachahmung und Beiwerk! jede Liebe und Kunst dem schönen Druck, dem einheitlich klaren Satzspiegel, der unverklecksten Leinwand.“ (Voigt-Diederichs 1934, S. 165)
Auch die Großdruckereien griffen die Entwicklung rasch auf und erwiesen sich bald als sehr leistungsfähig - Oscar Brandstetter, Spamer, aber auch Brockhaus und Bibliographi­sches Institut; neue und kräftige Schriften wurden nun in rascher Folge ausgegeben, Schwabacher und Fraktur, bald auch Jugendstilschriften. Andere Druckereien wiederum sahen sich durch den Einsatz von Außenstehenden und Künstlern in ihrer Selbständigkeit bedroht und reagierten unwillig über die geforderten Neuerungen (W. v. Z. Westen, Neues künstlerisches Schrift- und Ziermaterial, in: ZfB 7, 1903/4, S. 358-369); denn steigende Kosten waren unvermeidlich bei raschem, modisch bedingtem Wechsel an Schrift und Schmuck oder bei der Forderung nach Stilreinheit, die bedingte, dass Schriftarten jeweils in unterschiedlichen Größen beschafft werden mussten (Alfred Heller: Das Buchdruckgewerbe. Die wirtschaftliche Bedeutung seiner technischen Entwicklung, München 1911, S. 33/34). Allerdings gab es, wie man bald erkannte, Zeitgewinn dadurch, dass die neuen Ornamentformen größer und leicht zusammensetzbar waren, während frühere Einfassungen zum Beispiel aus einer ganzen Anzahl von Punkten und Linien zusammengesetzt werden mussten.