ANFÄNGE DER BUCHREFORM BEI EUGEN DIEDERICHS


Die technischen Entwicklungen im Buchgewerbe des 19. Jahrhunderts brachten nicht nur die Möglichkeit zur Massenproduktion mit sich, sondern auch die Lösung von handwerklichen und ästhetischen Maßstäben und Wertnormen, schließlich den Verlust des Zusammenspiels von Buchgehalt und Gestalt. Hier setzte die Reformbewegung um die Jahrhundertwende an. Begriffe wie „Buchkunst“ und „Gesamtkunstwerk“ standen am Beginn einer Erneuerung, für die der Verleger Eugen Diederichs bahnbrechend wirkte. Für Diederichs war sie ein „inneres Muß“. (FS ED 1927, S. 27). Zugleich ging es um zeitgemäße Kunst und die Moderne an sich.

a) Künstlerische Avantgarde

Legendär ist der Aufbruch der Künstler in den 90-er Jahren des 19. Jahrhunderts, besonders aber um die Jahrhundertwende unter dem Begriff des „Jugendstils“; sie wandten sich vom Historismus ab - im zeichnerisch-malerischen Stil von Frankreich und gleichermaßen vom Japonismus beeinflusst – und,  unter dem Einfluss der englischen Arts & Crafts-Bewegung, dem Kunstgewerbe zu.
Diederichs fand in ihnen eine Triebkraft und Gleichgesinnte seiner alternativen Buchgestaltung, die wiederum eine Voraussetzung seiner Verlagsidee war: „Ich schöpfte … mein Vertrauen weniger aus einem selbstbewußten Gefühl der Originalität als aus der einfachen Tatsache, daß in der Welt der jüngeren Künstlergeneration ein neuer Geist aufgestanden war, der sich bereits auf anderen Gebieten auswirkte. Peter Behrens, Eckmann, Pankok u.a. hatten bereits kunstgewerblich einen wohlbegründeten Ruf, als der Buchhandel noch völlig schlief.“ (FS ED 1927, S. 27).

b) Arts & Crafts-Bewegung

Vielfältig belegt für Diederichs ist, dass der Sozialreformer William Morris, der Künstler Walter Crane, der Drucker und Typograph Emery Walker und der Kunsttheoretiker John Ruskin seinen frühen Verlag beeinflussten.
Schon vor der Verlagsgründung, im Juli 1895 in London, hatte er sich für die Präraffaeliten begeistert, und nach seinem Englandbesuch im Spätherbst 1901 schrieb er: „England hat wieder ganz stark auf mich gewirkt, das ganze Leben hat dort Styl und die Leute haben alles das, was wir erst noch erreichen wollen.“ (ED an L. v. Kunowski 17. 11. 1901, GNM Nürnberg). Dass der Verleger anfänglich Materialien aus England bezog, findet mehrfach Erwähnung. In seiner Bibliothek befand sich auch ein Bändchen der Kelmscott Press von 1897, das seinen Buchkünstlern als Vorbild dienen konnte.

c) Netzwerk der Buchreformer in Deutschland

Rasch formierte sich ein Netzwerk der an der Buchreform interessierten Kreise: Dazu zählte Justus Brinckmann, ein früher Vermittler englischer Buchkunst nach Deutschland, Gründer des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg und der Onkel von Helene Voigt-Diederichs, Diederichs‘ Ehefrau ab 1898.
Dazu zählte auch Peter Jessen, Direktor des Kunstgewerbemuseums Berlin, der in seinen populären Lichtbildervorträgen zur Buchkunst (nach dem Beispiel Emery Walkers) 1897/98 den Diederichs Verlag als ein erstes positives Beispiel nannte: „Im Schlußvortrag, in dem Peter Jessen bis zur Gegenwart kam, zeigte er zuletzt die Druckseiten zweier Bücher meines Verlages …: ‚Hier, meine Herren, haben Sie die ersten Bücher der Neuzeit, die das erfüllen, wovon ich zu Ihnen spreche‘, waren die begleitenden Worte.“ (FS ED 1927, S. 28). Vor allem aber fand die Diskussion zur Buchreform einen Leipziger Mittelpunkt in dem familiären Kreis um Diederichs, mit seinem Lektor Rudolf von Poellnitz, von 1901 bis zu seinem frühen Tod 1905 Leiter des Insel-Verlags, mit Rudolf Kautzsch, Leiter des Deutschen Buchgewerbemuseums von 1898 bis 1903, und C. E. Poeschel, dessen innovative Buchdruckertätigkeit damals einsetzte (s. dazu IV.).

d) Diederichs‘ „Leitsätze“ Werbung für die Buchreform

Diederichs gab seine jeweiligen Erkenntnisse unmittelbar an die Öffentlichkeit weiter, in Leserbriefen, Werbeaktionen und durch Ausstellungsbeteiligungen. Unterstützung fanden seine Ideen in der Tagespresse, in den neuen kunstgewerblichen und literarischen Zeitschriften und den um 1900 einsetzenden Buchveröffentlichungen zur Buchgestaltung. Für den ersten Verlagskatalog 1901 schrieb er selbst den kleinen Aufsatz „Zur Buchausstattung!“ (siehe ED, Von der Kunst des Buches, S. 4) mit diesen „Leitsätzen“:

Das erste Erfordernis eines schönen Buches ist eine künstlerisch geschnittene Schrift. Wir sind auf dem Weg dazu – Versuche unserer ersten dekorativen Künstler wie Eckmann und Peter Behrens beweisen es – eine Schrift zu bekommen, die der Ausdruck unseres künstlerischen Zeitempfindens ist. Wir sind in einer Übergangsphase, darum benutzen wir so viele Schriften, alte und neue. Die Benutzung vieler Schriften hat aber den Vorteil, daß jedes Buch in einer seinem Inhalt entsprechenden Schrift gedruckt werden kann. Innerhalb eines Satzes ist nach dem schwarz=weißen Eindruck der Fläche von beiden zu gestalten, also dekorativ. Zu diesem Zweck zeichnet der Künstler linearen Buchschmuck, falls er nicht noch weiter geht und den Inhalt mit seiner Kunst stimmungsvoll begleitet[...]
Der künstlerisch=ästhetische Mittelpunkt des Buches ist nicht etwa der Umschlag, denn dieser dient nur zum schützen, sondern der Innentitel.  [...] Der Innentitel vermittle, wie die Morris nachfolgenden englischen Verleger schon längst dem Publikum zumuten, den ersten und hauptsächlichsten Eindruck von dem Inhalt, von dem geistigen Wesen des Buches.
Ein satiniertes, glänzendes Papier blendet und tut dem Auge weh. [...] Es zeige seine Struktur und wirke durch die Schönheit seines Materials und, was dasselbe ist, es sei holzfrei, damit es nach zehn Jahren ebenso schön aussieht, als in der Gegenwart.
Auch der Einband soll durch die Ehrlichkeit des Materials wirken, durch seine Struktur, seine Farbe und nicht durch die Menge aufgedruckten Goldes. [...] Der Aufdruck, Schnitt und Vorsatzpapier sei farblich abgestimmt.
Das ganze Buch, Druck, Papier, Umschlag, Einband soll als ein einheitliches Ganzes wirken. Neben dem geistigen Genuß soll auch das Auge einen sinnlich=ästhetischen haben. Ein gebildeter Mensch kann nicht auf die Forderung verzichten, denn nur der ist nach Lichtwarks Wort gebildet, dessen sämtliche Sinne ausgebildet und genußfähig sind.“



e) Anerkennung

Unbestritten scheint, dass Diederichs sich „als erster Verleger […] in den Dienst der neuen Buchkunst“ stellte (Funke 1969, S. 168), dass der rasche Erfolg seines Verlags nicht zuletzt darauf beruhte (vgl. Oschilewski 1936 und 1940; Grautoff 1901; Bonus 1901; Loubier 1902), und auch, dass er beispielgebend für die folgenden meist jungen Verleger wurde, die sich gleichermaßen für eine neue Buchgestaltung engagierten.
Die Künstler dankten es ihm und auch die Schriftsteller. Hermann Hesse etwa schätzte Diederichs‘ Einsatz für die Buchgestaltung und seine Kennerschaft von früh an: „Er bemüht sich, etwas von der Stimmung des Textes auch im Drucke mitzuteilen. Er faßt die Seiten und Buchstaben eines Buches nicht als gleichgültige Vermittler, sondern als die Wohnung oder das Kleid des geistigen Inhaltes auf, und er sucht das Kleid dem Inhalt möglichst passend und stilverwandt zu machen. Daß er bei diesem Bestreben zuweilen zuweit geht, ist bei der noch jungen Bewegung begreiflich und verzeihlich.“ ("Eine Ausstellung moderner Drucke", in: Basler Nachrichten, Nr. 331, 6.12.1901).