ERWERBUNGEN


1512 gibt Friedrich der Weise brieflich Auskunft über seine Beweggründe und schreibt, dass er die Einrichtung einer Bibliothek in seiner Wittenberger Residenz plane, und zwar zum all­gemeinen Nutzen aller, der Lehrer wie der Schüler der Wittenberger Universität; denn mit Gottes Hilfe habe er eine Hochschule einrichten lassen und wolle nun die Studierenden auch durch die Anschaffung von Büchern fördern. Adressat dieses Briefes war der berühmte Ver­leger Aldus Manutius (1450-1515), aus dessen venezianischer Offizin der Kurfürst zahlreiche Texte klassischer - vor allem griechischer - Autoren bezog.

Neben persönlichen Kontakten bediente sich der Kurfürst seiner Agenten, um den italienischen Buchmarkt beobachten zu lassen und den Ausbau seiner Sammlung auf hohem Niveau und vor allem gezielt voranzutreiben. Lieferungen erhielten der Kurfürst und auch seine Nachfolger aus den führenden Offizinen aus dem Süden und Südwesten des Reichs, aber auch aus Italien, besonders aus Venedig, sowie aus Lyon und Paris. Mit dem Fortschreiten der Reformation gelangte zudem Säkularisationsgut aufgehobener sächsisch-thüringischer Klöster in die Wittenberger Bibliothek, darunter auch zahlreiche mittelalterliche Hand­schriften, die heute zu den wertvollsten Stücken der ThULB zählen. Durch die Neuaufstellung der Bibliothek an einem "bequemen ort in unsern schlos zu Wittenberg als in der großen Hofstube" (Schreiben Johann Friedrichs) entsteht eine frühe Form der "Studienbibliothek" : Die Bücher werden an Pulte gekettet und in Katalogen er­schlossen, um das Wissen für einen erweiterten Kreis von Nutzern zugänglich zu machen, aber auch um die wertvollen Bestände vor Entfremdung zu schützen. Auch wenn die Biblio­thek noch lange nicht zu dem wurde, was man mit der Gebrauchsbibliothek seit der Aufklärung assoziiert, so hatte sie sich bereits in Wittenberg doch ganz deutlich in Richtung einer Arbeitsbibliothek für Professoren und Studierende entwickelt.