JOHANN GERHARDS LUTHERBIBEL IN DER ThULB JENA


Über den in der Forschungsbibliothek Gotha befindlichen Bestand der Bibliotheca Gerhardina hinaus sind bislang drei Drucke bekannt, die dieser Gelehrtenbibliothek zuzuweisen sind und außerhalb Gothas aufbewahrt werden. Es handelt sich um Johann Gerhards Handexemplar der Luther-Bibel (Wittenberg: Hans Lufft 1541; Signatur: 2 Theol. XIII, 8) in der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena, sowie um eine Inkunabel - den im Jahre 1475 bei Arnold Pannartz in Rom gedruckten 'Liber epistolarum' von Lucius Annaeus Seneca. Dieser Frühdruck lagert in der Königlichen Bibliothek zu Kopenhagen. Vor einiger Zeit konnte zudem der erste Band der postum gedruckten 'Opera Latina' des lutherisch-orthodoxen Theologen Aegidius Hunnius (1550-1603) aus dem Bestand der Gerhardina antiquarisch angekauft werden, der eine nicht unerhebliche Menge an Anstreichungen und handschriftlichen Marginalien enthält, die zweifelsfrei von der Hand Johann Gerhards stammen.
Gerhards Handexemplar der bei Hans Lufft in Wittenberg gedruckten Luther-Bibel aus dem Jahre 1541 ist von unschätzbarer Bedeutung bezüglich der historisch-theologischen Analyse der exegetischen Arbeitsweise Johann Gerhards sowie seiner Luther-Rezeption. Der im Jahre 1963 und erneut 2007 restaurierte Band, der nun als hochwertiges Digitalisat komplett vorliegt, enthält eine überwältigende Menge von Lesespuren und Notizen von der Hand Gerhards. Von zentralem Interesse sind zudem die mannigfachen Unterstreichungen (mit häufig roter oder grüner Tinte), mit denen Gerhard vor allem tröstliche Kernstellen der Heiligen Schrift (besonders im Psalter) hervorgehoben hat. Leider ist nicht ersichtlich, zu welchem Zeitpunkt Gerhard die Lutherbibel angeschafft hat, da ein entsprechender Vermerk wie in den weitaus meisten zur Gerhardina gehörigen Büchern fehlt.
Gerhard hat seine Bemerkungen marginal am äußeren und inneren Rand, nicht selten aber auch interlinear mit einer äußerst feinen Feder eingetragen. Nur vereinzelte Passagen sind derart blass, dass sie nicht oder nur teilweise zu entziffern sind. Die Textverluste durch erneutes (vermutlich im Zuge der Restaurierung des Bandes vorgenommenes) Beschneiden der Seiten sind eher gering. Ein beträchtlicher Teil der Notizen verweist auf Schriften der Kirchenväter, wobei Gerhard besonders häufig die Werke Augustins und Tertullians im Blick hat. Die weitaus meisten Verweise indes beziehen sich auf die Jenenser bzw. Wittenberger Ausgabe der Werke Luthers. Von der Jenenser Lutherausgabe besaß Gerhard eine Mischauflage der lateinischen und deutschen Serie (ohne Band 2). Von der Wittenberger Edition der deutschsprachigen Werke Luthers nannte Gerhard die Bände 2-5 und 7 sowie Band 2 der lateinischen Serie sein eigen. Doch nicht nur die beiden großen Werkausgaben hatte Gerhard während seines Studiums der Lutherbibel zur Hand, sondern offenbar auch weitere Bände aus seiner beachtlich umfangreichen Sammlung von Lutherdrucken. (Insgesamt enthielt die Gerhardina außer den genannten Werkausgaben 110 Lutherdrucke). Sehr zahlreich sind die Verweise auf "PE", womit Luthers Kirchenpostille (Postilla ecclesiastica) gemeint ist, von der Gerhard einen Druck aus dem Jahre 1559 besaß. Auch aus den zahlreichen Verweisen auf Luthers Genesis-Vorlesung und das 'Betbüchlein' wird ersichtlich, dass Gerhard neben den Luther-Werkausgaben die von ihm besessenen Teilausgaben bzw. Einzeldrucke von Schriften des Reformators intensiv genutzt hat.
Besonders dicht ist das Netzwerk der Gerhardschen Verweise auf Luther erwartungsgemäß im 1. Buch Mose, dem Psalter, den großen Propheten (insbesondere Jesaja), in den Evangelien sowie im Corpus Paulinum. An Gerhards Lutherbibel wird somit deutlich, dass er sich - erwartungsgemäß - mit der Bibelübersetzung des Reformators intensiv beschäftigt hat. Dies findet eine Bestätigung, wenn man Gerhards Schriften näher betrachtet, die allenorten vom Lutherdeutsch geprägt sind - häufig auch in Form von Rückübersetzungen ins Lateinische. Gerhards Handexemplar und die in ihm aufzufindenden Bearbeitungsspuren zeigen aber auch, wie eingehend sich der Jenenser Theologe mit den Schriften Luthers in ihrer gesamten Breite befasst hat. Leider ist es nicht möglich (und dies wäre der Idealfall!), Gerhards Verweise auf die von ihm besessenen Luther-Werkausgaben in diesen selbst anhand von Lesespuren näher zu untersuchen, um gleichsam die Gegenprobe zu machen.
Denn leider ist bislang kein einziger von Gerhard besessener Band seiner Luther-Werkausgaben nachgewiesen. Zu dem Zeitpunkt, als die Gerhardina nach Gotha verkauft wurde, fehlten laut der von der herzöglichen Bibliothek im Rahmen einer Revision der Sammlung erstellten Verlustlisten, die von der Hand des Bibliothekars Joachim Bartholomäus Meyer (1665-1701) stammen, ca. 500 Bände, darunter allerdings nur ein Band von Gerhards Lutherausgaben, nämlich "Lutheri Operum German. ab anno 1542. ad 1546. Tomus. VIII. F. Anno 1558. Jenae." Es ist daher anzunehmen, dass die restlichen Bände in späterer Zeit im Zuge von "Doublettenaussonderungen" veräußert worden sind. Anders ist dies bezüglich der Luther-Einzelausgaben, von denen ein Großteil des originalen Gerhardina-Bestandes erhalten ist, so dass es in diesen Fällen möglich ist, Gerhards diesbezügliche Referenzen in seinen Buchbestand hinein zu verfolgen. Ganz abgesehen davon würde die (dringend wünschenswerte) systematische Analyse und Verifikation der Verweise auf Luthers Schriften in Gerhards Bibel tiefe Einblicke in die Art und Weise der Gerhardschen Lutherrezeption sowie deren Schwerpunktsetzung ermöglichen.
Auffällig ist, dass Gerhard sowohl auf dem Titelblatt als auch auf den Zwischentiteln seiner Lutherbibel mottoartige Sentenzen eingetragen hat. Auf dem Zwischentitel zu den "Propheten alle Deudsch" findet sich eine Reihe von Luther-Zitaten, bei denen es sich sämtlich um recht grundsätzliche Charakterisierungen der prophetischen Schriften handelt, so etwa der Verweis auf "Tom. 2. l. Jen. pa181 b": "Verba Prophetae simpliciter dicta, simpliciter sunt intelligenda, & si intelligere non possumus fideliter credamus". Den engen Bezug der prophetischen Schriften auf die Tora aphoristisch festhaltend, zitiert Gerhard aus "Tom. 4. l. Jen. pa 807": "Meditatio verbi, prophetis dedit occasionem vaticiniorum".
Deutlich ist: Gerhard hat sein Handexemplar der Lutherbibel durch den Eintrag von Marginalien zu einem Findbuch bezüglich der Werke Luthers, gleichsam zu einem 'Hilfsbuch zum Lutherstudium' umgearbeitet. Dieses wichtige Arbeitsinstrument wird nicht nur Gerhard selbst und seinem Sohn bei ihrer schriftstellerischen Tätigkeit genutzt haben. Vielmehr liegt die Vermutung nahe, dass auch die in seinem Haus wohnenden Studenten sowie in späterer Zeit die Nutzer der öffentlich zugänglichen Gerhardina wertvolle Informationen aus Gerhards Luther-Bibel gezogen haben.
Den hier geschilderten Sachverhalten kommt hohe Bedeutung zu. Denn in Gerhards Druckschriften fällt auf, dass er sich in expliziter Weise auf Luther eher selten beruft. Entsprechende extratextuelle Verweise sind in Gerhards Werken im Vergleich mit solchen auf Schriften der Kirchenväter meist in der deutlichen Minderzahl. Dies lasst jedoch keineswegs den Rückschluss zu, Gerhard habe dem Reformator eher geringe Wertschätzung gezollt - im Gegenteil. Denn bei genauerem Hinsehen und im Zuge des Vergleichs z.B. von Gerhards Predigten mit denjenigen Luthers wird rasch erkennbar, dass der Reformator in ersteren auf Schritt und Tritt zitiert, paraphrasiert bzw. alludiert wird, ohne dass dies durch entsprechende Quellenbelege kenntlich gemacht würde. Gerade bezüglich der Aufschlüsselung der äußerst breiten Verarbeitung Lutherscher Schriften bei Gerhard, bieten die von diesem benutzte Lutherbibel und deren Marginalien wertvolle Hinweise und stellen nicht nur eine wichtige Grundlage im Hinblick auf die kommentierende Erschließung der Schriften Gerhards, sondern auch in Bezug auf die Erforschung des Lutherstudiums im Zeitalter der Orthodoxie dar.
Dass es gelungen ist, Gerhards Lutherbibel zum 425. Geburtstag (17. Oktober 2007) dieses wohl bedeutendsten Theologen der Universität Jena als Digitalisat zugänglich zu machen, ist nicht nur ein schönes Geburtstagsgeschenk, sondern auch ein wichtiger Schritt im Hinblick auf die Erforschung der Bildungs-, Auslegungs-, Kultur- und Theologiegeschichte des 17. Jahrhunderts.
Gedankt sei an dieser Stelle ausdrücklich der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek, die die Realisierung des digitalen Editionsprojektes derart tatkräftig vorangetrieben hat. Zu nennen sind hier vor allem die Abteilung Handschriften und Sondersammlungen, die Abteilung Restaurierungswerkstatt sowie die Digitalisierungszentrum. An den Kosten haben sich dankenswerterweise beteiligt: Die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands, die Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche und die Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen.