BIBLIOTHECA GERHARDINA - JOHANN GERHARDS GELEHRTENBIBLIOTHEK


Johann Gerhard war ein Büchernarr und begann schon in seiner Studienzeit damit, eine umfängliche Gelehrtenbibliothek aufzubauen. Die Bibliotheca Gerhardina darf zu den bedeutendsten deutschen Gelehrtenbibliotheken der Frühen Neuzeit gerechnet werden. Nach Johann Gerhards Tod ließ sein Sohn und Erbe Johann Ernst Gerhard die inzwischen für damalige Verhältnisse bereits riesige Bibliothek aus dem Privathaus ins Kollegiengebäude der Universität überführen. Dies dürfte im Jahre 1648 geschehen sein. Er baute die Gerhardina auf über 6.000 bibliographische Einheiten aus. J. E. Gerhard machte die Bibliothek im Kollegiengebäude allen Interessierten zugänglich und erlaubte (wohl auf eine Anregung des damals führenden französischen Bibliothekars Gabriel Naudé [1600-1653] hin) die Entleihung von Büchern - eine in jener Zeit eher ungewöhnliche, moderne und wegweisende Praxis. Nach dem Tode Johann Ernst Gerhards wurde die Bibliotheca Gerhardina im Jahre 1678 an Herzog Friedrich I. von Sachsen-Gotha-Altenburg (1646-1691) nach Gotha verkauft. Zu diesem Zeitpunkt war die Gerhardina derart stark angewachsen, dass sie ungefähr halb so umfangreich wie die Jenenser Universitätsbibliothek war. Ein Großteil des Bestandes der Bibliotheca Gerhardina wird heute in der Forschungsbibliothek Gotha aufbewahrt.

 

Als Initiator einer derart offenen Bibliothek war Johann Ernst Gerhard eine unzeitgemäße Erscheinung und nahm Weichenstellungen vorweg, die sich später unter anderen geistesgeschichtlichen Voraussetzungen nachhaltig fortwirkend vollziehen und zur Selbstverständlichkeit avancieren sollten. Dass schon Johann Gerhard Bücher außer Haus verliehen hat, ist nicht ausgeschlossen, aber nicht belegbar. Deutlich aber ist, dass Johann Ernst Gerhard das reiche Buch-Erbe seines Vaters als Verpflichtung begriff und dieses darum, vergleichbar einer heutigen Stiftung, der Öffentlichkeit zugänglich machte. Die Gerhardina fungierte in der Zeit von 1648 bis zum Tode Johann Ernst Gerhards (1668) und wohl auch noch im Jahrzehnt danach als eine unzeitgemäß benutzerfreundliche und offene Leihbibliothek. Diese Tatsache hat gewiss dazu beigetragen, dass man auf Seiten der Jenaer Universitätsbibliothek über eine Liberalisierung der Benutzungsordnung nicht nur nachdachte, sondern eine solche auch durchführte. Die benachbarte Gerhardina legte eine Reform nahe. Initiator dieser dem Reformdruck geschuldeten Modernisierung war vor allem der Historiker und Jenaer Professor Caspar Sagittarius (1643-1694). In späterer Zeit setzte der Universitätsbibliothekar und nachmalige Historiker Burcard Gotthelf Struve (1671-1738) die Reform der Universitätsbibliothek fort. Dies führte dazu, dass man 1684 das veraltete Pultsystem endgültig abschaffte und allmählich auch mit der Ausleihe begann. In der Folgezeit entwickelte sich die Jenenser akademische Hauptbibliothek schrittweise zu einer der modernsten Bibliotheken. In der Zeit vor diesem, sich nur allmählich konkretisierenden, Reformeifer innerhalb der Mauern der Universitätsbibliothek Jena war die Gerhardina die bei den Lesern beliebtere Institution. Dies manifestiert sich auch in dem Umstand, dass die Gerhardina - in den Jenaer Dissertationen der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts häufiger mit Dank und Lob erwähnt wird als die UB Jena - (Othmar Feyl, Die neuzeitlichen Anfänge der Universitätsbibliothek Jena 1650-1750, in: Geschichte der Universitätsbibliothek Jena 1549-1945, Weimar 1958 (= Claves Jenenses 7), S. 141-224, hier: S. 194).

 

Um die Benutzung seiner Bibliothek zu erleichtern, fertigte Johann Ernst Gerhard gemeinsam mit drei nicht näher bekannten Mitarbeitern einen handschriftlichen Katalog an. Dieser Katalog war - anders als im 17. Jahrhundert üblich - kein der Bestandskontrolle dienender und somit wenig benutzerfreundlicher Standortkatalog, sondern im Sinne eines Findbuchs ein alphabetisch und systematisch gegliederter Gebrauchskatalog. Dieser Katalog wird heute in der Forschungsbibliothek Gotha aufbewahrt und liegt seit 2002 als Neuedition vor. Anhand dieser Quelle und der Geschichte der Bibliotheca Gerhardina wird deutlich: Johann Ernst Gerhard war nicht nur philologischer und theologischer Forscher und Hochschullehrer, sondern zudem ein leidenschaftlicher Bibliothekar. Er selbst hat die Gerhardina eigenhändig katalogisiert. Dies zeigt nicht nur, wie sehr ihm die Bibliothek am Herzen lag, sondern auch, wie ernst er seine bibliothekarische Tätigkeit als Dienstleistung für die Benutzer, nicht zuletzt für die Studenten, nahm. Solche Verquickung von theologischer Profession einerseits und bibliothekarischem Ehrgeiz andererseits war im 17. Jahrhundert durchaus nicht unüblich. Erinnert sei an dieser Stelle lediglich an Johann Saubert (1592-1646) und Johann Michael Dilherr, zu deren Amtsobliegenheiten in Nürnberg u. a. die Betreuung der Stadtbibliothek gehörte.

 

Für die historisch-theologische Erforschung des Luthertums des 17. Jahrhunderts, die Gerhard-Forschung sowie für die Jenenser Universitätsgeschichte ist der Bücherkatalog der Gerhardina nicht nur eine im höchsten Maße informative Quelle, sondern geradezu ein Glücksfall. Aufgrund dieses Kataloges konnte eine Rekonstruktion der Gerhardina vorgenommen und damit der geistige Raum abgesteckt werden, in dem sich Johann und Johann Ernst Gerhard bewegten.

 

Zwar wusste man auch in Jena um den Wert dieser Sammlung, aber die Versuche von Sagittarius, die Bibliothek für die Universitätsbibliothek zu erwerben, sie mit dieser zu vereinigen und dadurch in Jena zu halten, scheiterten. Der Herzog erweiterte mit der Gerhardina die Bestände der von Ernst dem Frommen (1601-1675) 1647 auf dem Gothaer Schloß Friedenstein gegründeten Bibliothek. Die Gerhardina wurde in Gotha jedoch misslicherweise durch Einordnung in die bereits vorhandenen Sachgruppen zerschlagen. Die Gerhardina-Bestände sind aber großenteils aufgrund des Exlibris und der charakteristischen Vorderschnitte leicht zu erkennen. Dies trifft allerdings nicht auf diejenigen aus der Gerhardina stammenden Drucke zu, die Johann Bartholomäus Meyer (1665-1701) und Ernst Salomo Cyprian (1673-1745) aus zweifelhaftem Systematisierungsdrang unter Einbezug von Drucken anderer Provenienzen zu neuen Sammelbänden zusammenstellen ließen. Dieser Ordnungswut dürfte es u. a. zu verdanken sein, dass die im Katalog der Gerhardina nur unter Nennung der Nachnamen aufgeführten Leichenpredigten nicht mehr zu identifizieren sind. Denn durch die Beschneidung der auf diese Weise neu zustandegekommenen Sammelbände sind die charakteristischen Schnitte, die eine unzweifelhafte Zuordnung zum Gerhardina-Bestand ermöglichen, meist verlorengangen.

Die im Jahre 2002 erschienene Rekonstruktion der Bibliotheca Gerhardina führt rund 5.550 Titel auf, wobei mehrteilige Werke und Reihenwerke unter einer Nummer zusammengefasst sind. Zählt man die einzelnen Bände bzw. Teile, ergibt sich eine Summe von 6.139 Einheiten. Ca. 64 Prozent der Bücher konnten im originalen Bestand der Gerhardina nachgewiesen werden. Somit wurde erstmals eine Gelehrtenbibliothek des nachreformatorischen Luthertums rekonstruiert. Diese Rekonstruktion erlaubt Einblicke in die theologischen, philosophischen, philologischen, naturwissenschaftlichen, juristischen und medizinischen Interessen ihrer Besitzer. Wenngleich die beiden Gerharde nicht jeden von ihnen besessenen Druck gleichermaßen intensiv genutzt haben werden und umgekehrt nachweisbar ist, dass sie solche Bücher gelesen und ausgewertet haben, die sich offenbar nicht in ihrem Besitz befanden, so steckt diese Gelehrtenbibliothek doch den geistig-intellektuellen Horizont ihrer Besitzer ab und verschafft somit einen exemplarischen Einblick in die Grundlagen theologischer Gebrauchs- und Fachschriftstellerei des 17. Jahrhunderts. So wird deutlich, aus welchem gedruckten Gedächtnis-Schatz Vater und Sohn Gerhard bei ihrer Arbeit geschöpft haben bzw. hätten schöpfen können. Insbesondere im Zuge der editorischen Erschließung von Werken Johann Gerhards konnte mit Hilfe von Katalog und Bestand der Gerhardina eine Menge von Nachweisen nicht selten ungenau belegter und versteckter Zitate geführt und somit Rezeptionslinien bezüglich der patristischen, mittelalterlichen und anderer Traditionslinien aufgedeckt werden, denen man ohne die Gerhardina nicht auf die Spur hätte kommen können. Insbesondere die von Johann Gerhard vorgenommenen Anstreichungen in seinen Handexemplaren - auf den ersten Blick unscheinbar - leisteten diesbezüglich wertvolle Dienste und erlauben dem Editor, dem Autor gleichsam in dessen schriftstellerischer Werkstatt über den Rücken zu schauen.